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Kritik der Wissenschaft

Die besondere Herausforderung des modernen Asenglaubens ist die gebrochene Tradition und die unvollständige Überlieferung. Das dies gute tausend Jahre zurückliegt, macht die Situation zusätzlich schwierig. Aus diesem Grund wird in der Wissenschaft häufig die Haltung vertreten, ein moderner Asenglaube sei nicht möglich, die Anhänger gar nur „Ewiggestrige” oder „Unterpriviligierte”, die in dem Glauben „ein Sinnangebot” sehen „oder, besser gesagt, den Traum an eine heile, andere Welt, den ihnen das Christentum oder andere zeitgenössische Ideologien nicht mehr geben zu können scheinen” (Simek). Vielmehr als ein Glaube wird die moderne Asentreue also als Ideologie betrachtet, welche häufig gar in Extreme abdriftet.
In der öffentlichen Meinung betrifft das vor allem rechte Kreise: Nicht nur, dass dem „germanischen Heidentum” noch heute ein schlechter Ruf anhaftet, aufgrund der Beschäftigung des Dritten Reiches mit dem „Germanenerbe” sowie der Verwendung von Runen und Swastika. Tatsächlich haben sich auch noch Jahrzehnte danach angeblich „heidnische” Gruppierungen nebst Wiederbelebung des Glaubens vor allem mit rechtem Gedankengut befasst.
Weniger bekannt ist, dass heutige Asengläubige davon vielfach explizit Abstand nehmen, ja im Gegenteil eine linksgerichtete bis linksextreme Haltung in Ásatrú-Reihen zu beobachten ist. Noch heute befassen sich die Anhänger unverhältnismäßig viel mit politischen Ideen, seien es linke als auch rechte, wobei keine von beiden Seiten einer tatsächlich authentischen Glaubensausübung nahekommen kann, da die Alte Sitte wie jeder andere Glaube fernab von politischen Gesinnungen verstanden werden muss — zumal seine Wurzel in einer Zeit liegt, in der politische Parteien noch lange kein Thema waren.

Entgegen der wissenschaftlichen Meinung, die Alte Sitte sei aufgrund ihrer gebrochenen Tradition als authentisches Glaubenssystem nicht zu gebrauchen, finden sich heute immer mehr Menschen, die ihre Treue den alten Göttern weihen. Dies wird nicht darum unglaubhaft, weil die Wissenschaft die Alte Sitte lediglich als Forschungsobjekt oder epochalen Kult der Geschichte anerkennt.
Glaubt man an die tatsächliche Existenz von etwas Göttlichem, steht die Alte Sitte anderen Kulten, etwa monotheistischen wie dem Christentum und Islam, an Glaubwürdigkeit in nichts nach. Wird eine überirdische Macht generell verneint, so müssen diese Religionen wie auch die Alte Sitte als „Ideologie” abgetan werden. Lässt man den Glauben anderer Religionen jedoch zu, muss dies auch für die Asentreue gelten: Die alten Götter werden nicht darum inexistent, weil ihr Kult gebrochen wurde. Wie vor tausend Jahren an sie geglaubt werden konnte, so ist dies auch heute noch möglich. Unter diesem Aspekt lade ich jeden Wissenschaftler dazu ein, die alten Götter nicht als „Figuren” oder lediglich „Forschungsobjekt” zu betrachten, sondern den Spieß umzudrehen: Die Disziplin der Altnordistik als Forschung, die sich mit einer Tradition befasst, die tatsächlich einmal lebendig war und wieder sein kann (ähnlich wie es die Theologie für das Christentum ist). Das Göttliche an sich kann nicht inaktuell werden und aus diesem Grund ist eine moderne Asentreue nicht weniger denkbar als ein modernes Christentum, im Gegenteil.

Häufig spricht die Wissenschaft den großen Mangel an Wissen an, der sie im Bereich der Altnordistik beschäftigt. Zwar haben wir einige Quellen zu Göttern und Kultausübung, die Überlieferung kann aber bei Weitem nicht als vollständig betrachtet werden.
Jedoch ist auch hier der Zugang zu rational und zu wenig spirituell motiviert. Ein Glaube lebt vor allem von dem persönlichen Kontakt zwischen Gläubigem/Glaubensgruppe und Gottheit, den sogenannten mystischen Erfahrungen. Als Wissenschaftler mag man diese infrage stellen bzw. auf neurochemische Prozesse schieben, als Gläubiger bezieht man sie auf Erfahrungen, die zwar nicht messbar, aber dennoch sehr real sind. Ebenso wie ein Christ zu seinem Gott betet und Antworten zu erhalten meint, so kann ein Anhänger der Firnen Sitte solche Begegnungen haben.
Trotz des Alters der Tradition und trotz des Bruchs, der uns eine Lücke von vielen Jahren bescherte, berichten Asentreue oft von spirituellen Erfahrungen und Begegnungen mit den alten Göttern. Für solche Erlebnisse ist eine vollständige Überlieferung aus alter Zeit nicht vonnöten, wenngleich allein Spiritualität noch kein komplettes Glaubenssystem ausmacht. Um die Alte Sitte wieder aufleben lassen zu können, brauchen wir beides: Spiritualität und historische Krücken dafür, was einmal geglaubt und bei Ritualen gemacht wurde. Es ist eine schwierige Aufgabe, die wir uns gestellt haben, aber sie ist nicht unmöglich.

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Wikingerschatz auf Rügen gefunden

Im Januar 2018 fanden die dreizehnjährigen Luca Malaschnitschenko und René Schön einen Wikingerschatz auf einem Acker auf Rügen, jetzt wurde der Fund publik gemacht. Es handelt sich um einen Silberfund von etwa 600 Münzen, Armreifen und — einem Thorshammer. Man vermutet Harald Blauzahn, oder zumindest einem seiner Begleiter, der im Jahr 986 vor Sven Gabelbart floh, als Eigentümer des Schatzes. Dabei hat er wohl den Schatz mitgenommen und vergraben. Die verantwortlichen Archäologen sind mit solcherlei Schätzungen aber noch vorsichtig.
Unter den Münzen finden sich Stücke aus weiten Teilen der Welt, so etwa auch einen arabischen Dirhem aus dem Anfang des 8. Jahrhunderts. Der Großteil besteht aus Kreuzbrakteaten, also einseitig geprägten Silbermünzen, auf die ein Kreuz geprägt wurde. Harald Blauzahn wurde als Anhänger der alten Götter geboren, konvertierte aber im Laufe seines Lebens zum Christentum. Als Zeit des religiösen Umbruchs gilt das 10. Jahrhundert auch ganz allgemein: Das Christentum gewann an Land, während der nordische Kult immer weiter zurückgedrängt wurde.
Der Schatz gilt als der größte Fund von Blauzahn-Münzen im südlichen Ostseeraum.

 

Artikel von t-online.

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Wie kommen wir zur verlorenen Spiritualität?

Nachdem wir uns die Grundlagen angeeignet haben, nachdem wir uns in die zugänglichen Primärquellen eingelesen und die Sekundärquellen kritisch untersucht haben — was geschieht nun? Wie soll man trockene, realitätsbesessene Fakten in Spiritualität übersetzen? Und ist es überhaupt notwendig? Muss ich wissen, wie ein Alemanne bestattet wurde, wenn Grabbeigaben und Hügelgräber für mich ohnehin nicht zelebrierbar sind? Kann ich als Asentreuer des 21. Jahrhunderts wirklich mit der Idee, Thor würde Gewitter beschwören, etwas anfangen?

Zuerst einmal: Die Quellen und Fakten sagen uns nicht, was zwischen Menschen und Göttern auf spiritueller Ebene stattgefunden hat. Schon gar nicht sagen sie uns, wie die Götter auf die Menschen einwirkten. Was wir aber daraus beobachten können, ist der menschliche Versuch, den Blick der Götter auf sich zu lenken.
Wir wissen von Opferriten und Ritualen, wir wissen von Bestattungen und Hochzeiten, wir wissen von Magieausübung und dem Glauben an übersinnliche Kräfte. Nun ist es unsere Aufgabe, diese Fakten mit Leben zu füllen. Ein Ritual besteht nicht nur aus dem dargebotenen Opfer, sondern aus dem, was sich spirituell abspielt.

Ich kann hierfür keine Anleitung geben, denn dies ist der schwierigste Schritt, um unseren Glauben wiedererwachen zu lassen, und in meinen Augen auch derjenige, der am häufigsten unterschätzt wird. Und genauso glaube ich, dass niemand dafür jemals eine Anleitung geben kann, die online verfügbar ist, und die das abdeckt, was ein Ritual abdecken sollte. Rituale können vielleicht nacherzählt oder von Angesicht zu Angesicht weitergegeben werden, sie können miterlebt und in die eigene Blótgruppe importiert werden — aber ich halte es für den falschen Weg, von einem anonymen Gesichtspunkt zu einem anderen etwas so Höchstpersönliches und Delikates weiterzugeben.
Aus genau demselben Grund verurteile ich es auch, dass Rituale fremder Kulturen in der Vergangenheit übernommen und geringfügig angepasst wurden (christliche Rituale, die wir aufgrund unserer Erziehung für normal und selbstverständlich befinden und „heidnisiert” wurden; Rituale anderer „ursprünglicher” Kulturen, denen wir aufgrund ihrer archaischen Lebensweise eine Nähe zu den früheren Germanen unterstellen, weil alles Alte irgendwie gleich sein muss). Diese Art der Rituale hat sich mittlerweile in den Reihen der deutschen Asentreuen durchgesetzt, und mögen sie einmal für den einzelnen etwas Besinnliches und Einkehrendes gehabt haben, so sind sie mittlerweile durch die Öffentlichkeit und Omnipräsenz ausgewaschen und werden — völlig zurecht — von einem großen Teil der Asengläubigen belächelt.

Wir haben alle Puzzleteile, um unseren Kult neu auferstehen zu lassen. Wir kennen eine große Zahl der göttlichen Ansprechpartner, wir kennen die Mythen, die sie umgeben und wir kennen das profane Äußere, das die Rituale umgibt. Spiritualität, Übersinnliches und die Fähigkeit, das Transzendentale wahrzunehmen aber liegt in jedem Menschen, der glauben möchte. Wir müssen nur unsere persönliche Quelle anzapfen.

Ich bin selbst noch auf der Suche nach meinem Zugang zu funktionierenden Ritualen und beschäftige mich daher mit Quellen unterschiedlichster Machart. Aber noch bin von einer stabilen und zufriedenstellenden Grundlage weit entfernt. Erkenntnisse, Ideen und Meinungen werde ich hier auf jeden Fall darzustellen versuchen. Vielleicht, hoffentlich kommt am Ende ja doch ein Ergebnis heraus, das weiterhilft.

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Das Aneignen von Wissen

In dem Artikel „Der unwissende Asentreue” habe ich einerseits die wissenschaftliche Lektüre, andererseits die esoterischen Bücher als ungenügend für eine Ausübung unseres Kultes bezeichnet. Woher dann, wie soll ein moderner Asengläubiger also das Wissen nehmen? Woher die Spiritualität? Vor allem in Anbetracht dessen, dass nicht jeder diese Materie studieren kann, nicht jeder kann die alten Schriften entziffern, Altnordisch erlernen, um die Welt reisen, um die Primärquellen zu begutachten oder mit archäologischer Fachkenntnis Broschen und Schwertklingen untersuchen.
Selbst Forscher spezialisieren sich auf ein Fachgebiet und sind für das andere auf die Erkenntnisse einer anderen Disziplin angewiesen. Und nicht immer funktioniert der Dialog übrigens einwandfrei — sehr häufig kochen sie alle ihr eigenes Süppchen und belächeln die Herangehensweise des jeweils anderen, weil dahinter eine völlig andere Arbeitsphilosophie steht.

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Der unwissende Asentreue

Nahezu alle Anhänger der Alten Sitte haben eine Lieder-Edda bei sich im Bücherregal stehen, nicht alle von ihnen haben sie gelesen. Der Grund dafür ist naheliegend: Einerseits haben auch nicht alle (guten) Christen ihre Bibel gelesen, andererseits gehört die Alte Sitte nicht zu den sogenannten „Buchreligionen”, weshalb eine Lektüre der Edda nochmals freiwilliger sein muss.
In der Tat, sehr viele Menschen beschäftigen sich nur oberflächlich mit den Texten und Überlieferungen ihres Glaubens oder den sekundären Werken von Forschern, egal ob Christ, Buddhist oder Asentreuer. Vielfach wird als Argument hervorgebracht, dass die Wissenschaft den eigentlichen Kult zerfasere, dass sie alles rationalisiere und dass man sich lieber einen unbefangenen, freien Umgang bewahren möchte. Die Götter offenbaren sich nicht, weil man alle Runensteine nennen kann, auf die ihr Name geritzt wurde, nein, es geht vielmehr um einen persönlichen Zugang, die Fähigkeit, seinen Geist vom Irdischen zu lösen und mit den Göttern zu verbinden.
In dieser Hinsicht haben diese Menschen Recht und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Zeiten, in denen man sich am intensivsten mit wissenschaftlicher Literatur zu seinen Göttern befasst, alles andere als die spirituell reichsten sind. Vielmehr verliert man sich in Fakten und Haarspalterei und kurzfristig kommt sogar der Blick für das allumfassende Ganze abhanden, das unseren Glauben eigentlich ausmacht.

Nichtsdestotrotz kann man sich vor der Wissenschaft nicht verstecken, denn sie ist unser einziger Weg. Nur durch sie können wir spirituelle Verbindungen überhaupt ziehen, etwa indem wir Odin mit Raben und Wölfen in Beziehung setzen, Thor als den Schützer unserer Welt betrachten und den Vanengeschwistern Freyr und Freyja eine Fruchtbarkeitsrolle zuweisen.
Und hier ist das Problem: Während die meisten Kulte unserer Zeit auf eine konstante Tradition zurückgreifen können, die eben nicht durch Bücher, sondern durch mündliche Überlieferung und Erziehung weitergegeben wird, findet sich bei der Alten Sitte ein Schnitt von knapp beziehungsweise über tausend Jahren (je nachdem aus welchem Land man stammt). Mag das Christentum auch eine Buchreligion sein, es hat Jahrhunderte überdauert, in denen der allergrößte Teil der Menschen analphabetisch war. Die christlichen Dogmen, Lehren und Mythen wurden erzählt und so am Leben gehalten. Ein heutiger Christ braucht die Bibel nicht zu lesen, auch wenn er es kann: Er wird die Botschaften seiner Religion überall in seinem Umfeld finden.
Für uns Asentreue gilt das nicht. Wir können unser Wissen in den seltesten Fällen aus kultureller Überlieferung ziehen, und das gilt dann nur für einzelne Fragmente von Mythen, verschlüsseltes Auftreten alter Gottheiten oder Bräuche, die sich über Jahrhunderte gewandelt haben und von christlichen Einflüssen durchzogen wurden. In den meisten Fällen schöpfen wir unser Wissen entweder aus den Büchern von Forschern der letzten zweihundert Jahre, die keinerlei Interesse daran haben, einen lebendigen Glauben wieder auferstehen zu lassen. Es geht ihnen um Fakten und Beweise (beziehungsweise im Falle der Autoren der Nationalromantik um eine Erschaffung einer ideologischen Grundlage), spirituelle Kleister zwischen diesen Tatsachen, die das Ganze verbinden würden, sind uninteressant beziehungsweise nicht wissenschaftlich genug, um sie in Büchern aufzuschreiben.
Andernfalls, und das ist bei Weitem schlimmer, entnehmen wir die Informationen aus dem esoterischen Schund, der auf den völkischen Ideologien des letzten Jahrhunderts beruht, egal wie sehr sich die Autoren auch davon distanzieren mögen. Sie haben sich das unerforschbare Spirituelle, das man in wissenschaftlichen Büchern nicht findet, zusammengereimt, mit verkaufsfördernden Schlagwörtern versehen und auf den Markt geworfen — und dabei bereitwillig über Fakten der Forschung hinweggesehen.
Die heutigen Quellen eines modernen Asentreuen sind also entweder die vernunftbesessenen Werke, die bar jedes spirituellen Ansatzes sind, oder die esoterischen Massenproduktionen, deren einziges Interesse das Orakeln zu sein scheint, das auf keinerlei historische Quelle zurückgreifen kann. Unnötig zu erwähnen, dass beide Sparten nicht als vollständige Grundlage für unseren Glauben dienen können,  im Falle der Esoterik noch nicht einmal im Ansatz.

In meinem Leben sind mir schon einige Asentreue begegnet, die einerseits die Eddas als „unwichtig” abgetan haben, da sie „von Christenhand geschrieben wurden und wir außerdem kein Dogma wie die Bibel brauchen”. Im gleichen Atemzug käuten sie wieder, was sie in Büchern renomierter Wissenschaftler gelesen hatten ohne zu realisieren, dass diese Wissenschaftler ihr Wissen auch nicht aus einer allein ihnen zugänglichen geheimen Quelle, sondern aus eben diesen Eddas schöpften (unter anderem). Sie hängen sich an die Mantelzipfel irgendwelcher Forschermeinungen, die sie in irgendwelchen Zeitschriften irgendeines vergangenen Jahres gelesen haben und haben es verpasst, sich in den Primärquellen ein eigenes Bild zu machen. Dabei wird die Tatsache, dass jede Aufarbeitung der Quellen stets ein Schritt mehr zwischen Original und Hörerschaft ist, ignoriert; in Wahrheit werden wir dadurch ständig in unserer Meinung manipuliert.


Wir, die wir uns den Glauben an die alten Götter auf die Fahne schreiben, wissen letztendlich weniger über sie, als Forscher, die mit kalter Rationalität an die Quellen herantreten. Wir ziehen unsere Informationen nicht aus eben diesen Quellen (die uns zur Verfügung stehen!), sondern aus wiedergekäuten Nacherzählungen der Wissenschaftler und pompös aufgeschmücktem Schund von profitgeilen Esoterikern.
Wir, die wir den Göttern opfern, haben dies nie von unseren Eltern gelernt und kopieren uns daher unsere Anleitungen arglos aus Büchern, die nachweislich Rituale nach christlichem Vorbild und eigenem Gefallen geschustert haben.
Können wir uns da wirklich beklagen, wenn die Wissenschaft uns belächelt? Solange wir immer nur in ihren Spuren laufen, und überall dort, wo es sich anbietet und nicht anbietet Gurus und Lebensberater, die angeblich irgendwelche godischen Ausbildungen genossen haben, um Antworten bitten, werden wir niemals ernst genommen werden. Jeder, der Ahnung von der Materie hat, kann sehen, wie hilflos der moderne Asentreue in unbekanntem Gewässer strampelt und zusammenhanglos Schlagworte herausposaunt, die er irgendwo gelesen hat: „Snorri war Christ!”, „Runenmagie!”, „Göttervater Odin!”

Daher lautet meine Antwort auf die Frage, ob sich ein moderner Asentreuer ausgiebig mit den Quellen beschäftigen muss: Ja. Und er muss es leidenschaftlicher tun als jeder andere.

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Die gebrochene Tradition

Für die Alte Sitte in heutiger Ausübung gibt es keine ungebrochene Tradition. Sie wurde im Zuge der Christianisierung zumindest als gelebter Glaube vollkommen ausgerottet, das letzte ihr zugehörige Land, Schweden, kann ab 1100 als christlich erachtet werden. Erhalten haben sich lediglich Spuren im Volksglauben, etwa im Aberglauben oder in der Heiligenanbetung, sowie geschichtliche Funde archäologischer und schriftlicher Natur (Runensteine und Manuskripte v.a.).

Aus diesem Grund erachten viele Wissenschaftler eine moderne Rückkehr der Alten Sitte als unrealistisch beziehungsweise nur als das Überstülpen einer Maske auf ein Gesicht, das in Wahrheit rein politisch oder ideologisch ist. Tatsächlich müssen wir uns als Asentreue die Frage stellen, wie tiefgreifend dieses Problem der mangelnden Tradition ist. Was wissen wir tatsächlich, was können wir erfahren? Und spielt es überhaupt eine Rolle? Was muss ein Gläubiger an faktischem Wissen über seinen Glauben wissen, wenn es doch eigentlich vielmehr um spirituelle Erfahrungen geht?

Man kann bei heutigen Asentreuen zweierlei Wissenslücken feststellen: Einerseits das Wissen, das mangels Überlieferung für immer in der vorchristlichen Zeit verborgen bleibt, andererseits das Wissen, das die Forschung zutage gefördert hat, mit dem sich viele Asentreue aber nicht beschäftigen wollen.
Letzteres ist häufig eine nicht entschuldbare Attitüde derjenigen Menschen, die entweder zu wenig Interesse für ihren Glauben hegen oder die ihr eigenes Wissen maßlos überschätzen und dabei übersehen, dass Wissensaneignung niemals beendet ist: Je mehr wir lernen, desto mehr Fragen tun sich auf. Bezeichnen wir uns als Anhänger der Alten Sitte, ist es unsere Pflicht genau zu wissen, was wir anhängen. Unwissenheit ist keine Entschuldigung und noch weniger ist es legitim, wenn im Namen der Alten Sitte Äußerungen getätigt werden, die nicht mit ihr in Einklang gebracht werden können und aus schlichter Unwissenheit heraus begründet werden.

 

Der Unweise
meint alles zu wissen,
wenn er im Winkel weilt;
er weiß nicht,
was er erwidern soll,
fragen ihn andre aus.
(Hávamál, Strophe 26, übersetzt nach Felix Genzmer)

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Runen. Geschichte — Gebrauch — Bedeutung

Kurzinfos

Autor: Arnulf Krause

 

Verlag: Marixverlag

 

Veröffentlichung: 2017


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Eigenbezeichnung

Es gibt dutzende unterschiedliche Bezeichnungen für den modernen Glauben unserer germanischen Vorväter. Von Altheidentum zum Neuheidentum, vom Ásatrú zum Lokitru (sick!) scheint alles dabei. Manche wählen ihre Bezeichnung nach Klang aus, andere nach Gewohnheit, wieder andere mit ideologischer Präzision.

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Religionsbegriff

Mit Vorliebe verweisen moderne Forscher in ihren Arbeiten darauf, dass uns zur Verfügung stehende Quellen für die Religion der Germanen zu großen Teilen aus der Hand von Christen stammen. Dabei vergessen sie vielfach, dass auch sie selbst aus einer gewissen Tradition stammen und ebenso wie ein Snorri Sturluson ihrer Zeit und Erziehung unterworfen sind.
Mag man auch einräumen, dass die Forschung heutzutage um Objektivität bemüht ist, muss man doch eingestehen, dass diese Bemühungen allein nicht davor feihen, Interpretationsfehler von Quellen zu begehen, indem man gewisse Dinge voraussetzt, die nicht vorausgesetzt werden können.
Die Problematik versuche ich anhand des Begriffs Religion zu erläutern.

„Religion” wird heute für allerhand verwendet. Wikipedia erklärt es etwa wie folgt:

 

„Religion (von lateinisch religio ‚gewissenhafte Berücksichtigung‘, ‚Sorgfalt‘, zu lateinisch relegere ‚bedenken‘, ‚achtgeben‘, ursprünglich gemeint ist „die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften.“) ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte ist, sowie häufig auch an heilige Objekte. Das Heilige und Transzendente ist nicht beweisbar im Sinne der Wissenschaftstheorie, sondern beruht auf intuitiven und individuellen Erfahrungen bestimmter Vermittler (Religionsstifter, Propheten, Schamanen). Deren spirituelle Erfahrungen werden in vielen Religionen als Offenbarung bezeichnet. Spiritualität und Religiosität sind geistig-geistliche Anschauungen. Skeptiker und Religionskritiker suchen demgegenüber nach rationalen Erklärungen.”

Wikipedia

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Die Welt der Wikinger - Arnulf Krause

Kurzinfos

Autor: Arnulf Krause

 

Verlag: Nikol

 

Veröffentlichung: 2006


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Von der Entstehung der Welt

Der nordische Schöpfungsmythos erzählt, dass am Anfang der Zeit das Ginnungagap vorherrschte, der gähnende Abgrund, in dem „nichts war“. Nördlich davon lag das eisige Nifelheim, südlich das glühende Muspelheim: Beide Gebiete waren lebensfeindlich.

In der Mitte von Nifelheim gab es einen Brunnen namens Hvergelmir, aus dem entsprangen zwölf Ströme, die man Elivagar nannte. Auf ihrem Weg gefroren sie und auch ihre Giftdämpfe, die über ihnen lagen, gefroren und legten sich als neue Eisschicht über die alte, bis sich Schicht über Schicht stülpte und bis hinab zum Ginnungagap reichte. Auf der nördlichen Seite stockte also das Eis, während im Süden Feuerfunken flogen. Diese Funken erreichten die Eisberge am Ginnungagap und schmolzen sie, sodass sich aus den Tropfen allmählich eine menschliche Gestalt herausschälte: Diese war Ymir, der erste Reifriese. Während Ymir schlief, begann er zu schwitzen und so entstanden unter seiner Achsel ein Junge und ein Mädchen, und sein einer Fuß zeugte mit dem anderen einen sechsköpfigen Riesen.

Neben Ymir entstand auch eine Kuh aus dem Eis, Audhumla, aus deren Zitzen vier Ströme flossen. Von diesen ernährte sich Ymir, während Audhumla salziges Eis leckte.

Am ersten Tage entblößte sie so einen Haarschopf, am zweiten ein Haupt, am dritten Tag einen ganzen Mann, der von schöner Gestalt war. Er hieß Buri und zeugte einen Sohn namens Bör [1]. Bör wiederum nahm Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn zur Frau, und diese gebar im drei Söhne: Odin, Vili und Ve.

Die drei Brüder töteten den Riesen Ymir und sein Blut ertränkte alle Reifriesen bis auf einen [2]: Bergelmir [3] gelang mit seinem Weib die Flucht auf ein Boot [4], und er begründete das neue Geschlecht der Reifriesen.

Odin, Vili und Ve aber nahmen den Leib des toten Ymir und schleiften ihn in die Mitte des Ginnungagap: Aus seiner Schädeldecke formten sie den Himmel, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus Zähnen, Kinnbacken und Knochensplittern die Steine. Das Hirn wurde zu den Wolken, das Blut zu Meer und Flüssen und seine Haare die Wälder. An alle vier Ecken der Erde setzten sie Zwerge, Nordri, Sudri, Austri und Vestri [5] – in jede Himmelsrichtung einen. Die Funken von Muspelheim  setzten sie an den Himmel und bestimmten ihren Lauf und dadurch die Zeitmessung.

Jenseits des Meeres lag die Küste, an der die Riesen lebten [6], und die Götter hoben aus dem Meer Land empor [7] und errichteten mit Ymirs Augenbrauen einen Schutzwall [8]. Dieses Land nannten sie Midgard [9].

 

[1] Oder auch Burr. In der Rígsþula heißt der älteste Sohn von Jarl und Erna ebenfalls Burr (Strophe 41).

[2] Dahn interpretiert diese Blutflut als eine germanische Fassung einer Sintflut, die bei sehr vielen Völkern in der Sagenwelt vorkommt, wie etwa bei den Griechen und in der christlichen Mythologie. Erst durch Missverständnisse sei später eine Sündflut als Strafe für Sünden daraus geworden.

[3] Bergelmir, der Sohn von Thrudgelmir, der wiederum Aurgelmirs (Ymirs) Sohn war, der aus den Flüssen des Hvergelmir entstand. Man beachte den gleichen Namensstamm.

[4] Das Wort im Original lautet lúðr und ist nicht bekannt. Die wahrscheinlichste Übersetzung wird dennoch einheitlich als „Boot“ wiedergegeben. Fritzner sagt, damit sei ein ausgehöhlter Baumstamm gemeint, ein Trog, der zur Wiege und zum Fahrzeug dienen konnte.

[5] Das Geschlecht der Zwerge entstand wie Maden im Fleisch des toten Ymir. Erst die Götter Odin, Vili und Vé gaben ihnen Bewusstsein und menschliche Gestalt. Trotz dieser „Erhöhung“ blieb der bevorzugte Ort der Zwerge in Ymirs Fleisch (= unter der Erde).

[6] Útgarðr (Außenwelt) bzw. Jötunheimr (Heim der Jöten = Riesen). Der Name Jötunheim findet sich heute noch für ein bergiges Gebiet in Norwegen, das größtenteils mit Eis überzogen ist.

[7] In der Vǫluspá wird das Land (aus dem Wasser) emporgehoben, bei Snorri wurde das Wasser um das Land gelegt: „Aus dem Blute, das aus seinen Wunden geflossen war, machten sie das Weltmeer, festigten die Erde darin und legten es im Kreis um sie her, also dass es die meisten unmöglich dünken mag, hinüber zu kommen.“

[8] Es wird nicht deutlich, welche Rolle die Augenbrauen übernehmen. Dahl sagt, die Götter stützen die Erde auf die Augenbrauenbogen, um sie zu erhöhen und so gegen die Riesen zu schützen. Golter interpretiert sie als Wimpern, die einen schützenden Waldring am Ende der Erdscheibe ergeben.

[9] Midgarðr = Welt in der Mitte. In der Ynglinga saga taucht die Bezeichnung „Mannheimar“ (Heim der Menschen) auf. Dieser Begriff bezieht sich auf Schweden, wo man die Götter verortete. Dem wird Goðheimar (Heim der Götter) gegenübergestellt, ein ferner, nebulöser Ort.

„Mannheimar“ wird noch im 17. Jahrhundert im Namen des Werkes von Olof Rudbeck (1630-1702) „Atland eller Manheim“ (Atlantis oder Manheim) bezeugt.

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Gab es die Germanen?

Immer wieder begegnet man Stellungnahmen, es habe niemals Germanen gegeben und die Verwendung dieses Namens sei ganz und gar unwissenschaftlich oder schlicht falsch. Tatsächlich begegnen einem die Germanen jedoch ständig, auch in wissenschaftlicher Literatur von renommierten Autoren. Verfehlungen? Oder was hat es damit auf sich?

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Odin, Thor und Freyja. Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich

Kurzinfos

Autor: Sandie Holst, Egon Wamers

 

Verlag: Schnell & Steiner

 

Veröffentlichung: 2017


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Die Geschichte der Langobarden

Die Geschichte der Langobarden (historia gentis Langobardorum) ist ein Geschichtswerk von Paulus Diakonus, der im 8. Jahrhundert lebte und sie in seinem Lebensabend verfasste. Sie umfasst sechs Bücher und ist unvollständig. Diakonus behandelt die Geschichte seit der Entstehung der Langobarden bis zum Tode von König Liudprand 744.

 

An dieser Stelle von Interesse ist einzig der Abschnitt über die Namensgebung der Langobarden, für die, der Erzählung zufolge, Wotan (Godan) und Frija (Frea) verantwortlich sind. Alle Texte sind übersetzt von Otto Abel.

Vor dem eigentlichen Text von Diakonus habe ich seine Quelle aufgeführt, da diese den speziellen Abschnitt der Namensgebung detailreicher behandelt.

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Der Inhalt der Íslendingabók

Die Íslendingabók besteht aus 12 Kapiteln, wobei zwei davon (unklar, an welcher Stelle sie im Buch standen) nicht erhalten sind. Ari selbst schreibt, dass er diese beiden Kapitel aus seiner Urfassung nicht übernommen hat. Sie behandelten Königsbiographien und eine Genealogie des Autors.

 

Die Namen der anderen Kapitel lauten:

  1. Über Islands Besiedelung
  2. Über die Landnehmer und die Gesetzgebung
  3. Über die Einrichtung des Allthings
  4. Über die Jahreszählung
  5. Über die Eilteilung in Viertel
  6. Über Grönlands Besiedelung
  7. Darüber, wie das Christentum nach Island kam
  8. Über die ausländischen Bischöfe
  9. Über Bischof Ísleif
  10. Über Bischof Gizur

Im Folgenden findet sich eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel unter Nichtmiteinbeziehung der wissenschaftlichen Redaktion. Man beachte daher, dass es sich hierbei allein um Aris Sicht und Nacherzählung handelt, die durchaus fehlerhaft sein kann.

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Die Íslendingabók

Die Íslendingabók zählt als das älteste uns bekannte Geschichtswerk der Isländer. Ihr Name bedeutet so viel wie "Buch der Isländer" (bók = femininum, daher 'die Íslendingabók'). Ari Þorgilsson verfasste sie zwischen 1122 und 1133, nachdem er bereits eine Urfassung geschrieben und den Bischöfen Þorlák und Ketill vorgelegt hatte, welche ihn dazu ermutigten, seine Arbeit weiterzuführen.

Das Werk ist auf Isländisch verfasst, was ungewöhnlich für das Mittelalter, wenn auch nicht für Island ist. Kleine Überschriften auf Latein zeigen jedoch, dass Ari dieser Sprache nicht nur kundig war, sondern auch lateinische Texte gelesen hatte, da diese in ähnlicher Art und Weise aufgebaut sind. Nach der Einleitung etwa beginnt er etwa die typisch lateinische Inhaltsangabe mit den Worten "In hoc codice continentur capitula", also "In dieser Schrift sind jene Kapitel enthalten".

 

In der Íslendingabók geht es um die Landnahme Islands, die Entstehung des Things und der Gesetze sowie um die Annahme des Christentums.

 

Ari verwendet nur wenig eindeutige Jahreszahlen. Die meisten Ereignisse führt er - wie es für die Zeit üblich war - auf Menschen zurück, etwa auf das x-te Jahr nach dem Tod eines gewissen Königs. Nicht immer konnten diese Angaben historisch belegt werden, in manchen Fällen sind sie gar unwahr.

 

Die heutigen erhaltenen Handschriften stammen aus dem 17. Jahrhundert und wurden beide von Jón Erlendsson von einem Manuskript des 12. Jahrhunderts kopiert. Dieses muss bald darauf in Dänemark verloren gegangen sein, denn nur kurze Zeit später konnte es trotz Bemühungen vonseiten  Árni Magnússons nicht mehr gefunden werden. Die erhaltenen Handschriften tragen die Nummern AM 113 a fol. und AM 113 b fol.

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Die Merseburger Zaubersprüche

Die beiden Merseburger Zaubersprüche sind zwei Strophen, die einerseits die Befreiung eines Gefangenen, andererseits die Heilung eines verrenkten Pferdefußes bewirken sollen. Dafür richteten sie sich an germanische Götter und Geister. Besonders bedeutend sind sie außerdem, weil sie die einzigen vorchristlichen Schriften in althochdeutscher Sprache sind.

Sie wurden im 19. Jahrhundert in der Domkapitelbibliothek von Merseburg in einer Handschrift aus dem 10. Jahrhundert entdeckt. Ein Jahr später, 1842, wurden sie erstmals von Jacob Grimm herausgegeben und kommentiert.

 

Die Sprüche finden sich als Nachtrag in einer Sammelhandschrift mit vornehmlich christlichem Inhalt (etwa Taufgelöbnissen oder Gebeten). Die Signatur lautet Merseburg, Domstiftsbibliothek, Codex I, 136; die Sprüche werden meist auf fol. 85r angegeben, aufgrund einer nicht ganz leichten Seitennummerierung schlug aber schon Jacob Grimm fol. 84r vor.

Man geht davon aus, dass die Zaubersprüche ursprünglich in Fulda aufgeschrieben wurden, zumindest kann nachgewiesen werden, dass sich die Handschrift bis zum Jahr 990 im Kloster von Fulda befand. Der genaue Dialekt der beiden Sprüche lässt sich nicht abschließend feststellen.

 

Beide Zaubersprüche bestehen aus einer einleitenden Geschichte (historiola) und dem anschließenden Zauberspruch (incantatio). Sie verwenden die germanische Langzeile mit Stabreim, der jedoch nicht konsequent durchgeführt wird; tatsächlich ist ein Hang zum Endreim ersichtlich. Daher geht man im Allgemeinen davon aus, dass die Sprüche in einer Zeit entstanden, in welcher der Endreim allmählich den Stabreim ablöste.

Insgesamt gehen die Meinungen der Forscher zur Entstehungszeit weit auseinander. Felix Genzmer etwa datiert den ersten Spruch ins 2., den zweiten ins 5. Jahrhundert, während man heute eher eine Zeit zwischen 750 und frühes 10. Jahrhundert annimmt (also kurz vor der Verschriftlichung). 

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Frau Holle

ine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück.

Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.«

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.

Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.«

Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.«

Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.«

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Nun war es eine Zeit lang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.«

Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.«

Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, sodass es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: »Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, hässlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein.

Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.«

Die Faule aber antwortete: »Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort.

Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.«

Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen«, und ging damit weiter.

Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen.

Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet.

»Das ist zur Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief: »Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.


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Die Runeninschriften von Monte Sant'Angelo

Die Gemeinde Monte Sant'Angelo befindet sich im Süden Italiens im Gargano (Apulien), weitab von großen Städten und noch heute nur durch schmale, kurvige Straßen erschlossen, die sich kilometerweit durch den Wald Foresta Umbra winden. Dennoch ist sie ein interessanter Ort für Runeninteressierte - auch wenn das der christliche Name kaum vermuten lässt. Die gesamte Gemeinde ist nämlich dem Erzengel Michael geweiht.

Neben einem großen normannischen Burgkomplex, dessen Baubeginn in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts zurückreicht, zieht vor allem das Sanktuarium von San Michele viele Besucher und Pilger an. Es ist berühmt für seine Krypta, die in eine Grotte integriert wurde, und zählt seit 2011 zum Unesco Weltkulturerbe. Es wurde etwa um 490 errichtet und entstammt langobardischer Hand. Der Legende zufolge begann man mit dem Bau, als in diesem Jahr der Erzengel Michael in den Gargano herabstieg. Die Langobarden, die in dem Heiligen mit seinen kriegerischen Attributen ihren ehemaligen Gott Odin wiedererkannten, hegten von Anfang an besondere Sympathien für Michael und machten das Sanktuarium zu dem nationalen Sanktuarium der Langobarden.

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Runenkunde - Klaus Düwel

Kurzinfos

Autor: Klaus Düwel

 

Verlag: J. B. Metzler

 

Veröffentlichung: 2008


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