Skaldik 3: Gedichtformen und Versmaß

In seiner Edda schreibt Snorri: „Es gibt zwei Arten, die ganze Dichtung einzuteilen. (...) Sprache und Versmaß.” Während die Unterschiede der Gedichtform noch nachvollziehbar sind, sind die Versmaße für den modernen Menschen meist gar nicht mehr zu differenzieren.

Gedichtformen

Man unterscheidet zwischen Flokkr/Vísa („Haufen”/„Lied”) und Drápa (Preisgedicht).
 
Ein Flokkr oder eine Vísa bezeichnen Einzelstrophen beziehungsweise lose aneinandergereihte Strophen. Aus Forschungssicht ist es allerdings schwierig, einen Flokkr als solchen gewiss zu erkennen, da viele erhaltene Einzelstrophen vielleicht in einem großen, nicht überlieferten Gesamtkontext standen. Die Strophenfolge in heutigen Textausgaben ist vom Herausgeber bestimmt und mit hoher Wahrscheinlichkeit entspricht sie nicht dem Original.
Ein Flokkr war eher einem niedrigen Fürsten angemessen und konnte von einem hohen Herrscher oder König gar als Beleidigung aufgefasst werden. Dafür gibt die sogenannte Haupteslösung in der Heimskringla ein treffendes Beispiel. Þórarinn dichtet einen Flokkr auf König Knut, woraufhin ihn dieser wutentbrannt in den Kerker wirft. Wenn Þórarinn bis zum folgenden Morgen keine Drápa auf ihn gedichtet hätte, sollte er hingerichtet werden. Þórarinn „machte da einen stef (einen Refrain) und setzte es ins Gedicht und fügte einige Verse und Strophen hinzu” (aus der Heimskringla, zitiert nach Klaus von See) - damit war es eine Drápa. Ein ähnliches Motiv finden wir übrigens auch bei der Egils saga.
 
Die Herkunft des Begriffs „drápa” ist noch nicht vollständig geklärt. Finnur Jónsson etwa sagt, es käme von dem Wort „dráp”, was so viel wie „Totschlag” bedeutet, Sigurður Nordal dagegen leitet es von dem Verb „drepa” ab, also „treffen, schlagen”, das manchmal auch „hineinstecken” bedeuten kann. Eine Drápa wäre also „ein Lied mit eingeschossenem Refrains” (Nordal).
Eine Drápa ist ein kunstvolles Preisgedicht für einen Fürsten, das meist im Metrum Dróttkvætt verfasst wurde. Es ist die aufwendigste Form der skaldischen Dichtung. Aufgeteilt wird eine drápa in eine Einleitung (upphaf), ein längeres Mittelstück (stefjabálkr), in das mehrere Male ein stef eingebunden wird, der das Gedicht so in Abschnitte teilt, sowie einen Schluss (slœmr).
 
Eines der berühmtesten Beispiele für eine drápa ist die „Ragnarsdrápa” von Bragi Boddason inn gamli (9. Jahrhundert). Sie ist das älteste uns überlieferte Skaldengedicht.

Versmaße

Das berühmteste und schwierigste Versmaß ist das Dróttkvætt („drótt” = Herr, „kvætt” = Reim). Zwei weitere Formen, die wir in der Lieder-Edda finden sind das Ljóðaháttr und Fornyrðislag. Diese Versmaße sind allerdings nur drei von vielen. Im letzten Teil seiner Snorra Edda, im Háttatal, verfasst Snorri ein Musterbeispiel der skaldischen Kunst, indem er in über hundert Strophen jeweils ein anderes Versmaß verwendet. Die Unterschiede liegen beispielsweise in den Silbenhebungen und Binnenreimen und sind so geringfügig, dass der moderne Mensch sie kaum erkennen kann.
Das Háttatal ist in so gut wie keiner Edda-Übersetzung enthalten da es vollkommen unmöglich ist, sowohl den Inhalt als auch den Klang der Strophen zusammen abzubilden. Ein Versuch wurde in der Sammlung Thule Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht, dies ist allerdings eher eine Nachempfindung und hat mit dem altnordischen Original nur wenig zu tun.

Ljóðaháttr

Der Name bedeutet so viel wie „magische Lieder“ und bezieht sich meistens, aber nicht immer auf Lieder von mythischen Wesen und Wissensdichtung in der Lieder-Edda.
Bis auf eine einzige Ausnahme (Vafþrúðnismál, Str. 5) wird das Ljóðaháttr immer für eine direkte Rede (Monolog oder Dialog) verwendet. Dabei sprechen höchstens 16 verschiedene Charaktere miteinander (Lokasenna).
Es gibt also keine direkte Beziehung von den Gedichten zur Zuhörerschaft, da sie beispielsweise von den Göttern erzählt werden und nicht den Menschen oder das Individuum betreffen und der Zuhörer auch nicht angesprochen wird. Es gibt keinen Erzähler, stattdessen spricht zum Beispiel Odin (Grímnismál, Hávamál). Die Gedichte dieses Versmaßes sind allesamt älter datierte.
Das Ljóðaháttr ist auch in der skaldischen Preisdichtung überliefert (Eiríksmál, Haraldskvæði, Hákonarmál).

Es besteht aus einer 3-Teile-Struktur: Zwei Halbzeilen und eine Langzeile (erster Teil der Beispielstrophe). Eine Besonderheit innerhalb des Versmaßes ist das Galdralag mit einer 4-Teile-Struktur: Zwei Halbzeilen treffen auf zwei Langzeilen (zweiter Teil der Beispielstrophe). Dass beide Versformen in einer Strophe vorkommen, ist nicht die Regel.

 

Vafþrúðnismál, Str. 42

 


Übersetzung (Karl Simrock)
Sag mir zum zwölften, wenn der Götter Zukunft
du alle weißt, Wafthrudnir,
von den Joten und aller Asen Geheimnissen
sag mir das Sicherste,
allkluger Jötun.

Fornyrðislag

Der Name bedeutet etwa „alte Worte“, außerhalb der eddischen Dichtung ist diese Versform auch auf dem Rök-Stein überliefert. Die Datierung der Lieder in diesem Versmaß variiert.

Es herrscht eine 2-Teile-Struktur vor (helming): Eine Strophe besteht aus acht Langzeilen, wovon jeweils zwei zusammengehören, also insgesamt vier helmingar ergeben. An- und Abvers innerhalb eines helming staben miteinander.

 

Vǫluspá, Str. 1

 

 

Übersetzung (Felix Genzmer)
Gehör heisch ich
heiliger Sippen,
hoher und niedrer
Heimdallssöhne:
Du willst, Walvater,
dass wohl ich künde,
was alter Mären
der Menschen ich weiß.

Kenningar und Heiti

Die Skalden



Quellen

Klaus von See: Klaus von See, Skaldendichtung. Eine Einführung, Artemis & Winkler Verlag 1984

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