Politische Einflussnahmen

Die Politik ist ein beträchtliches Problem für den modernen Asenglauben. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts hat dermaßen großen Einfluss auf unseren Kult genommen, dass noch heute in Filmen über Rechtsradikale und Nazis diese ein T-Shirt mit der Aufschrift „Odin statt Jesus” tragen, der obligatorische Thorshammer um den Hals baumelt und dutzende Runen auf ihre Haut tätowiert sind.
Im Mainstream sind Interessierte am „germanischen Heidentum” heute noch Rechtsradikale, Sprösslinge einer menschenverachtenden Ideologie — oder zumindest Geschichtsvergessene, die keinen Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus kennen, da sie sich  noch immer mit seinen Symbolen schmücken.

Das hier wird keine Distanzierung vom Nationalsozialismus.

Das hier wird kein Bekenntnis zu Rassismus und Antisemitismus.

Ich sehe mich in keinerlei Verantwortung, meinen Glauben, der tausend Jahre älter als die NS-Ideologie ist, zusätzlich neben all den Fanatikern rechter und linker Kreise mit diesem Kapitel der Geschichte in Verbindung zu bringen: Mein Glaube entstammt nicht dem Nationalsozialismus und jeder Versuch, eine Kausalität herzustellen, ist zum Scheitern verurteilt. Noch weniger sehe ich mich in der Verantwortung, wegen einer Ideologie, die sich einer uralten Kultur bedient hat, dieser Kultur zu entsagen. Die Nazis mochten ihre Zeit mit Schande beflecken, weil es ihnen erlaubt wurde — warum sollte ich ihnen meine Erlaubnis erteilen, dies mit der Vergangenheit zu tun?

Geschichtsvergessenheit werfe ich denjenigen vor, die die NS-Ideologie auf das Volk der Germanen im ersten Jahrtausend nach unserer Zeitrechnung zurückprojizieren. Die Chronologie ist vollkommen klar: Die Kultur und der Glaube der Germanen hat seine Wurzeln in indoeuropäischer Zeit und entwickelte sich natürlich weiter, bis er vom gewaltsamen Einzug des Christentums verdrängt wurde. Der Nationalsozialismus erwachte über ein Jahrtausend später, bediente sich dieser alten Kultur, in der Hoffnung darin die Wurzel der arischen Rasse zu finden, interpretierte die Symbole und verwendete sie in übertriebenen Maßen. Die kopflose Panik vor Rechtsextremismus führte im Anschluss zu einem rasenden Hinwegbrettern über sämtliche Symboliken, die jemals von den Nazis verwendet wurden: Anstatt sie zu entnazifizieren und dem Volk zurückzugeben, dem man sie gestohlen hatte, wurden sie unter polemischem Geschrei noch brauner angemalt als sie ohnehin schon waren, und im gleichen Atemzug wuchtete man die gesamte germanische Kultur gleich mit hinein.
Betrachtet man heute die Liste rechtsradikaler Symbole, so ist der Anblick ernüchternd:

Wikipedia
Wikipedia

Nicht die Symbole sind das Problem, sondern das, was wir damit verbinden. Und nicht allein der nationalsozialistische Umgang war das Problem, sondern auch und vor allem die moderne Resignation, mit der ihnen alles überlassen wurde, was sie angefasst haben.

Schon während der Zeit des Dritten Reiches gab es auch Bestrebungen, dem Kult der Germanen näher zu kommen. In diese Zeit und die Jahre davor, der Beginn der Nationalromantik, fallen die ersten Gründungen germanischer Orden, anfangs noch mit deutlichem Bekenntnis zum Christentum und ohne jegliches Interesse am Glauben an die Alten Götter, zusehends gab es aber auch Bemühungen, Glaubensgemeinschaften zu bilden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese vor allem rechts orientiert, sodass selbst in der Forschung noch heute die Meinung publiziert wird, Asengläubige seien in ehrster Linie Anhänger einer konservativen Ideologie.

Inzwischen wurden andere Gemeinschaften gegründet, die Rechts den Kampf angesagt haben. Sei es der Eldaring, sei es der Verein für Germanisches Heidentum, beide Gruppen haben sich unzählige Male gegen den Missbrauch des Kultes von Nationalsozialisten ausgesprochen und sind heute als klar linksgerichtete Vereine bekannt.
Was im ersten Moment opportun gewesen sein mag, hat sich heute zu einer Krankheit der Szene entwickelt. Mittlerweile ernten die „linksversifften” Vereine nicht nur aus rechtsextremen Kreisen Kritik: In dem Wunsch, den Asenglauben aus der Rolle des Staatsfeindes zu holen, hat er sich in den Händen der Gruppierungen zu einem lammfrommen, systemkonformen Brei entwickelt, der nur eine klare Meinung gegen Rechts hat und es ansonsten verschlafen hat, seiner unförmigen Gestalt Konturen zu verleihen. Insbesondere der Eldaring hat sich zu einem Frontkämpfer für Schwache und Minderheiten gemacht, während er verpasst, für „heidnische” Ziele abseits von Stammtischen und Herdfeuer (Vereinszeitschrift) zu kämpfen.

Mittlerweile haben die politischen Debatten die Atmosphäre vergiftet. Wo sich die Situation schon innerhalb der Gesellschaft mit jedem Jahr zuspitzt, da stehen sich die deutschen Asengläubigen von links und rechts mit gefletschten Zähnen auf extremen Positionen gegenüber: Ihre Geschichte hat sie dazu gezwungen.
Heute geht es nur noch geringfügig um Glaubensfragen: Im Mittelpunkt steht die politische Zugehörigkeit, denn die einen können nicht mit den anderen bei einem Ritual zusammenstehen. Sämtliche politische Themen werden auf eine religiöse Ebene gehoben und dort diskutiert: Die alten Germanen waren gastfreundlich, also muss man Flüchtlingen wohlgesonnen sein; die alten Germanen verachteten Homosexualität, also muss die gleichgeschlechtliche Ehe verboten werden; Loki kann sich in ein weibliches Wesen verwandeln, also ist Transexualität im Sinne der Asen; Heimdall zeugte die Vorfahren der Stände, also ist gesellschaftliche Gleichheit von den Göttern nicht vorgesehen.
Diese regelrechte Meinungskrankheit hat dazu geführt, dass nicht nur politische Fragen, sondern sämtliche Fragen jedwedes Belanges auf diese Ebene erhoben werden: Plötzlich muss alles mit dem Glauben verteidigt werden können, anstatt einfach mal einen Schritt zurückzumachen und Glauben bei Glauben, persönliche Einstellungen bei persönlichen Einstellungen und Politik bei Politik zu belassen.
Es ist klar, dass ein Glaube und Kult im Menschen mehr abdeckt als nur den Bereich im Gehirn, der sich nach Spiritualität sehnt. Natürlich werden auch politische und gesellschaftliche Ideale mithilfe des Glaubens begründet. Aber der Unterschied liegt darin, dass die Asentreue eben nicht unsere politische Meinung aufdiktiert, wie es vielerorts heißt. Die politischen Ansichten bestimmen die Alte Sitte. Sie haben dazu geführt, dass wir unseren Glauben nach unseren Ansichten auslegen und nicht umgekehrt. Bis zu einem gewissen Grad ist das vollkommen normal. Heutzutage aber reizen wir unsere politischen Hegemonie (sei es von linker, sei es von rechter Seite) bis zur Absurdität aus und verunglimpfen Gleichgesinnte im Glauben wegen ihrer anderen Gesinnung in der Politik zu Fehlgeleiteten und „Feinden”, die in vielen Fällen nicht mehr „richtige Heiden” sein können.

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Mit einer Selbstverständlichkeit, die in keinster Weise hinterfragt wird, wird die Alte Sitte als politisches Banner missbraucht: Für die Linken als Vorreiter für Humanismus, Gleichberechtigung und Demokratie, für die Rechten als Symbol der kulturellen Einheit, die Stärke des Arischen und Nationalismus. Und wer dem nicht zustimmt — ist schlicht kein richtiger Asengläubiger.

Woraus werden diese ideologischen Schlagwörter gezogen? Mit welchem Recht entscheiden wir im 21. Jahrhundert als „Neuheiden”, was eigentlich „heidnisch” und „nicht-heidnisch” ist?
Der Asenglaube war und ist eine Glaubensrichtung für jedermann, für eine Gesellschaft und jede Art von Menschentypus — vom Bauer bis hin zum Kriegsherr, von der liebenden Mutter bis hin zum Schänder und Brandstifter. Er ist kein Glaube für egozentrische Wahrheitseliten, die aufgrund ihrer eignen Engstirnigkeit jedem anderen die Anerkennung der Götter verweigern wollen.

Dazu haben wir ihn gemacht. Wir und unsere Politikversessenheit.


Quellen

Abbildung Wikipedia: Rechtsextreme Symbole (aufgerufen am 12.02.2018)

Abbildung T-Shirt: spreadshirt.de (aufgerufen am 17.04.2018)

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Kommentare: 5
  • #1

    Max (Mittwoch, 16 Mai 2018 14:17)

    Was für eine tolle Seite! :)

  • #2

    ING (Donnerstag, 09 August 2018 22:19)

    Ich habe selten einen dermaßen guten Artikel gelesen (neben den anderen dieser Serie), der die aktuelle Lage so treffend beschreibt. Besonders: "Sämtliche politische Themen werden auf eine religiöse Ebene gehoben und dort diskutiert [...]" trifft haargenau den Zustand, der sich Jahr um Jahr verschlimmert. Unter anderem auch getrieben von der skandinavischen Szene, wobei die schwedischen Sveriges Asatrosamfund eine besondere Rolle spielen (einfach mal deren HP besuchen oder Google-Bilder "Sveriges Asatrosamfund"). Damit kann ich dein Fazit nur feiern: "die Alte Sitte als politisches Banner missbraucht: Für die Linken als Vorreiter für Humanismus, Gleichberechtigung und Demokratie, für die Rechten als Symbol der kulturellen Einheit, die Stärke des Arischen und Nationalismus." Das trifft den Nagel auf den Kopf. Und hinzu kommt dein wortreicher und ungemein eloquenter Stil, der das Lesen deiner Texte zu einer Freude macht. Vielen Dank und Grüße, ING

  • #3

    Eichenstamm (Freitag, 10 August 2018 08:16)

    Einen herzlichen Dank, ING. Deine Anerkennung freut mich ... ich muss zugeben, dass ich jedes Mal, wenn ich mir den Artikel erneut durchlese, am liebsten tausend weitere Dinge hinzufügen würde; es gibt so Vieles, was an dem Thema gesagt werden müsste.

    Habe die schwedische Seite mal gegooglet. Ein Regenbogenbild hat mir schon gereicht. Ich verstehe nicht, was dieser Wahn von sexuellen Ausrichtungen mit Ásatrú zu tun haben soll. Milde ausgedrückt.

  • #4

    Gunnar (Donnerstag, 23 August 2018 15:01)

    Nur als Hinweis, keine Wertung bzw. Diskussion angestrebt: die "Schwarze Sonne" ist *nicht* verboten.

  • #5

    Eichenstamm (Donnerstag, 23 August 2018 17:06)

    Hab einen Moment gebraucht, um den Fehler zu entdecken, aber hast völlig Recht. Wurde ausgebessert.

    Danke, Gunnar.