Nordische Magie. Schamanismus und die Runen-Geheimnisse

Kurzinfos

Autor: Edred Thorsson

 

Verlag: Königsfurt-Urania

 

Veröffentlichung: 2012 (1992)


Gestaltung

Informationen

Quellentreue


Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich gleichzeitig so verärgert und erheitert hat. Ich muss hinzufügen, dass meine Uni-Dozenten mich bereits vor Edred Thorsson, der eigentlich Stephen Flowers heißt, warnten. Vollkommen zurecht, wie ich nun feststellen musste.
Der reißerische Titel zumindest ist gut gewählt, denn ebenso reißerisch geht es zwischen den Buchdeckeln weiter. Etwas anders verhält es sich mit dem Untertitel. Von Schamanismus findet sich nicht einmal ein Spurenelement, was stark darauf hindeutet, dass der Autor entweder nicht weiß, was Schamanismus ist oder — wie so häufig — schlicht nicht so genau bei der Benennung bestimmter Dinge ist. Die sogenannten Runen-Geheimnisse dagegen sind offensichtlich Edreds eigene Geheimnisse und ganz bestimmt keine urnordischen Praktiken, die er wiederentdeckt hat.

Wie der Autor selbst zugibt, ist es „fast unmöglich, den riesigen Komplex von Aspekten zu beschreiben (...), der die magischen Traditionen ausmacht, die wir nordischen Weg nennen”. Leider hat er es dennoch versucht. Der Begriff „nordischer Weg”, der immer wieder vorkommt, klingt zugegebenermaßen sehr spannend und nach etwas, das man unbedingt selbst gerne beschritten hätte - nur beginnt bereits hier die rege Fantasie des Autors. So ist der nordische Weg nichts als eine Thorsson'sche Erfindung, die mit realer Quellenlage oder meinetwegen auch nur blassen Hinweisen aus der Wikingerzeit absolut nichts zu tun hat.

Im Folgenden ätzt der Autor mit widerlich elitären Begriffen wie „die wahre germanische Magie”, „der echte nordische Weg”, „ein echter Wotanist”, „die wahre Art in Beziehung mit den Götter [zu treten]” und — der Höhepunkt: „die wahre Religion”. Ich muss zugeben, dass ich ab diesem Zeitpunkt für das Buch verloren war. Solcherart mittelalterlich-christliche Rhethorik in germanischen Angelegenheiten zu verwenden, ist etwas, das moderne Asentreue besser wissen müssten. Allerdings scheint Thorssons Vorstellung von gelebtem Ásatrú tatsächlich in vielerlei Hinsicht nur ein Abklatsch des Christentums zu sein, ganz so, als würden gewöhnlichen Ritualen die Effektheischerei fehlen und müssten darum um die christliche Messe ergänzt werden. In seiner kompletten Vorlage (!) für ein Mittsommerritual findet man so beispielsweise das Schlagen des Thorshammers anstelle des Kreuzes (wobei die Ähnlichkeit der zu schlagenden Zeichen verblüffend ist), eine Lesung (empfohlen wird Baldurs Träume aus der Lieder-Edda, so wie in einer guten Messe ja auch eine Bibelstelle verlesen wird), eine Rede (vergleichbar mit der christlichen Predigt), das „Laden” und „Trinken” (entspricht der christlichen Eucharistie), die Segnung (Besprenkelung des Altars und der Anwesenden mit dem Rest des Mets, ähnlich dem christlichen Brauch sich mit Weihwasser zu segnen) und endet schließlich mit dem „Verlassen”, was verdächtig an den letzten Teil einer christlichen Messe erinnert, der aus der Dreiheit Gruß-Segen-Sendung besteht. Durchzogen wird dieses Ritual mit leeren und pseudo-ultraheidnischen Floskeln, die mir beim Lesen die Schamesröte ins Gesicht trieben. „Wotan, wir bewundern deine Kräfte”, „Idunna, deine Äpfel wachen über uns”, „der Adler schaut herab vom obersten Ast des Weltenbaums” - ein Satz der scheinbar völlig willkürlich eingefügt wurde und in keinem erkennbaren Zusammenhang steht. Aber immerhin, es klingt doch sehr heidnisch.

In dem Buch teilt Edred Thorsson vollkommen willkürlich bestimmte Dinge ein, wie etwa Magie oder Magier, und stellt diese als quasi von Gott gegeben und tatsächlich dar. Das Buch strotzt nur so von Halbwahrheiten, vagen Angaben (insbesondere dann, wenn es präzise werden sollte, da es um praktizierte Magie geht) sowie eiskalten Lügen, um historische Tatsachen zu seinen Gunsten zu verdrehen.
Valhall, die Halle der gefallenen Krieger, bekommt hier das Attribut eines „runischen Reiches”, obgleich Valhall und Runen unmöglich auf direkter Linie miteinander in Verbindung gesetzt werden können.
Uller wird in einem Absatz als identisch mit Týr (bzw. als ein weiterer Name Týrs) bezeichnet. Auch diese Behauptung fußt auf keinerlei Hinweisen, in sämtlicher mir bekannten wissenschaftlichen Literatur (von Primärquellen ganz zu schweigen) wird Uller eigentlich immer als eigenständiger Gott angesehen. Gleichzeitig übernimmt Thorsson kommentarlos Snorri Sturlusons Aufzählung kleinerer, unbekannter Götter, die in Forscherkreisen heiß umstritten ist.
Die Eddas werden als Bücher genannt, deren einziger Zweck, darin liegt, „die magischen und religiösen Lehren dieser Völker” niederzuschreiben und welche „verschlüsselt die Mysterien der Germanen” enthalten. Haarsträubender Humbug, zumal beide Eddas von Christen geschrieben wurden und das Ziel einer Überlieferung der vorchristlichen Lehren daher kategorisch ausgeschlossen werden muss.
Am meisten schockiert hat mich jedoch Edreds Herkunftsversion des jüngeren Futharks. Es ist sprachhistorisch einigermaßen belegt, dass das jüngere Futhark aufkam, während sich das Urnordische zum Altnordischen hin entwickelte. Dabei fielen gewisse Laute und somit auch Runen weg, andere wurden miteinander verschmolzen. Insgesamt arbeitete man auf eine vereinfachte Schrift hin, welche sich leichter ritzen ließ.
Thorsson sieht das in einem etwas anderen Licht. Die Wikinger als „wahre nordische Magier” hätten ihre Geheimnisse in den sechszehn Runen des jüngeren Futharks verschlüsselt. Die meisten von ihnen seien mit den Runen wohlbekannt gewesen (eine historisch unhaltbare Behauptung). In ihrer grenzenlosen magischen Weisheit hätten die Wikinger das rohe ältere Futhark zum jüngeren zurechtgestutzt, um es für magische Zwecke geeigneter zu machen. Eine andere sinnvolle Erklärung gäbe es nicht (!).
Unfreiwillig selbstironisch wird es, als Thorsson andere Bücher als von „pseudorunischer” Natur betitelt. Immer wieder verweist er zudem auf seine eigenen Bücher, in denen man angeblich Antworten und genaue Angaben zu den Dingen finden würde, die er in diesem Werk nur stiefmütterlich anschneidet — also der genauen Herangehensweise an die Runenmagie allgemein.

 

Schlussendlich kann ich vor diesem Buch nur warnen. Um es ganz deutlich zu sagen: Was darin steht, ist historisch gesehen völliger Humbug, esoterisch gesehen erbärmlich und sprachlich eine Farce, indem Begriffe wie „wahr/echt”, „geheim” und „wahrhaft germanisch” auf jeder Seite zum Erbrechen oft verwendet werden, wobei unklar bleibt, was der Autor mit „germanisch” oder „nordisch” überhaupt meint, da er sich auf keine nachvollziehbaren Quellen beruft. Eine absolute Nicht-Empfehlung, in erster Linie ist es eine Schande, dass so etwas auf den Markt geworfen wird.

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