Die Angst vor dem Opfer

Der Glaube an die Götter ist uns nicht von Klein auf eingebrannt. Er ist für uns keine Selbstverständlichkeit, er ist nicht gesichert und selbst wenn uns die Götter wieder und wieder Beweise liefern, so zweifeln wir doch jedes Mal erneut. Denn Beweise von der „anderen” Welt sind schwerlich Beweise, wie man sie in unserer materiellen Welt als solche annehmen würde.
Und so zweifeln wir und zweifeln wir. An manchen Tagen fragen wir uns sogar, ob es die Götter überhaupt gibt. Ob das nicht alles ein großes Hirngespinst ist, eine Hoffnung, die wir nicht loslassen, um nicht alleine dazustehen. Wie sagen die Atheisten doch gleich? Man glaubt, weil man die Vorstellung fürchtet, dass da doch nichts ist. Dass uns die Leere und Sinnlosigkeit verschlingt.

Opfer ohne Folgen?

Ich bin von der Gegenwart der Götter fest überzeugt. Und dennoch — dennoch bleibt dieser kleinste Rest an Zweifeln. Was, wenn es doch Zufall war? Der Wind, eine erklärliche Reaktion eines Menschen — was, wenn es Zufall ist?
Im Frühjahr geriet ich an einen Scheideweg. Ich hätte nicht nur den Beistand, sondern die aktive Hilfe der Götter benötigt. Eigentlich wäre der nächste logische Schritt also gewesen, ein Ritual abzuhalten und darum zu bitten, dass mein Leben in die Richtung verläuft, die ich mir wünschte.
Aber ich zögerte. Ich verdrängte die Gedanken, schob irgendwelche Gründe vor, warum ich heute nicht konnte und morgen nicht und bis zur nächsten Woche an überhaupt gar keinem Tag. Irgendwann entdeckte ich den wahren Grund, der mich nicht mehr losließ und den ich deshalb aufschrieb: „Das Absurde ist, ich traue mich nicht, weil ich fürchte, dass es nichts wird — und wie soll ich dann von den Göttern denken?”

Das Anliegen, das ich vor die Götter bringen wollte, war kein schlichter Wunsch, den man heute hat und binnen einer Woche wieder vergisst. Gerade diese Wichtigkeit machte ihn aber so fatal: Wenn ich die Götter für so einen wichtigen Grund anrufe, sie mir aber nicht antworten, kann ich dann überhaupt noch irgendwas von ihnen erwarten? Kann ich mich in Zukunft noch an sie wenden mit auch nur einem Funken Hoffnung, dass sie mir zuhören? Kann ich davon ausgehen, dass sie sich überhaupt für mich interessieren? Gibt es dann nicht noch genau zwei Möglichkeiten, die mir offenstehen? Entweder ich akzeptiere, dass die Götter ihre Macht nicht für mich einsetzen beziehungsweise sie gar nicht haben und werde damit von jeder Verbundenheit zu ihnen freigesprochen, weil ich keinerlei Nutzen daraus ziehen kann, oder aber die Antwort lautet schlicht, dass die Götter nicht existieren.
In jedem Fall wäre mein Glauben vor dem Abgrund gestanden. Weitere Praxis hätte keinen Sinn mehr ergeben.
Dieses Bewusstsein hat mich stark unter Druck gesetzt. Das Ritual musste seinen Zweck erfüllen. Andernfalls würde ich den Glauben verlieren, den ich über Jahre hinweg aufgebaut hatte, auf den ich mich verlassen konnte, dessen Inhalte mich fasziniert und vorangetrieben hatten. Aber ist der Glaube in den Glaube verloren, dann nutzt alle Begeisterung dafür nichts mehr.

Ich muss zugeben, dass das Ritual keines meiner bewegendsten war. Ich war mit dem Kopf nicht bei der Sache, war zu sehr bemüht, alles richtig zu machen, die Götter, die ich rief, auf jeden Fall zu finden. Gleichzeitig belastete mich ausgerechnet die Situation eines Freundes, welcher der Asentreue abhanden zu kommen schien. Um den Tag besonders zu verankern, setzte ich eine Pflanze in die Walderde.

Schon wenige Tage nach dem Ritual zeichnete sich eine Verschlechterung der Situation ab. Zwei Monate später war die Pflanze kränklich und begann zu verdorren. Aus Mitleid zu dem Lebewesen grub ich sie aus und setzte sie Zuhause wieder ein — wäre es nach dem Schicksal gegangen, hätte ich sie im Wald sterben lassen, und mit ihr meinen Glauben in die Götter.
Die Wahrheit ist, dass ich, indem ich mich mit meiner Situation zu arrangieren begann, auch das Ritual nicht mehr ganz so wichtig fand. Die Bedeutung, die dahinterstand, verdrängte und banalisierte. Der Schlussfolgerung auswich, die vor dem Ritual wie ein Damoklesschwert über der Beziehung über mir und den Göttern hing. Ich habe es tatsächlich vergessen oder als ein „naja, die Götter werden schon andere Pläne haben” abgetan.

Nun, vier Monate später bin ich an den Ort zurückgekehrt, an den ich die Pflanze gesetzt habe. In der Zeit während dessen war der Wald derart von der sommerlichen Fülle verwildert, dass ein Durchkommen nahezu unmöglich war. Ich fand das Loch sofort wieder, das die Pflanze hinterlassen hatte, den Kreis aus weißen Steinen. Das Opfer am Baum. Die Schriftzeichen auf dem Fels sind dagegen völlig ausgewaschen.
Und mit einem Mal wird mir bewusst, dass mein Wunsch sich erfüllt hat. Nicht am Tage nach dem Ritual, nicht durch einen Blitzschlag von oben, sondern behäbig wie das Leben läuft und dennoch mit unglaublicher Klarheit und Präzision. Es hat nicht den Lauf genommen, den ich mir vorstellte, aber es hat mein Ziel erfüllt und übertroffen. Und schon am Tag des Opfers wurde mir ein Zeichen gesandt, dem ich kaum Wert beimaß und das nachträglich nicht deutlicher hätte sein können.

Wenn ich auf den Weg zurückschaue, den ich in diesen vier Monaten zurückgelegt habe, waren die Zeichen der Götter voller Wucht und Brachialität, von einem ständigen Augenzwinkern (das ich in diesen Momenten tatsächlich wahrnahm) sowie von einer Präzision, was zeitliche Abläufe angeht, dass das Wort Zufall mir wie Spott auf das Leben erscheint.
Dann erfahre ich von den Beteiligten dieser Lebenslage, dass sie eine Art Eingebung hatten. Seltsame Schicksalschläge.

In der Gesamtheit vollkommen unbemerkt haben die Götter bewirkt, worauf ich hoffte, wofür ich bat. Einmal mehr haben sie Wunder gewirkt, haben bewiesen, dass sie eben doch da sind und dass der Glaube an sie großen Einfluss auf die Realität hat.

Die Problematik des Opferns

Von dem Erstaunen einmal abgesehen, das mich erfasst, wenn solche Dinge geschehen, überrascht mich rückblickend vor allem, welche Hemmungen die Sorge vor einem Schweigen der Götter ausgelöst hat. Beinahe möchte man die Götter nur in einfachen Fragen anrufen, da ein dortiges Ausbleiben von Antworten noch schlicht mit einem „es war nicht wichtig genug” akzeptieren werden kann.
Dabei sollte man meinen, dass — egal wie wichtig einem selbst so manche Bitte scheinen mag — es immer noch im freien Ermessen der Götter liegt, ob sie überhaupt helfen wollen. Macht nicht genau das ein Ritual aus? Dass der Ausgang der Situation eben nicht magisch herbeigezaubert werden kann?

Diese Krise hat mich allerdings zu einem zweiten Punkt gebracht, zu einem zweiten Problem. Ein Nichterfüllen meiner Wünsche hätte ich entweder für Desinteresse der Götter oder einen Beweis dafür gewertet, dass sie gar nicht existieren. Was aber ist, wenn schlicht das Medium zwischen mir und den Göttern das falsche ist? Was ist, wenn das Opfer als solches nicht funktioniert?
Ich habe in mir weitergegraben und festgestellt: Ich weiß gar nicht, wie man die Götter anruft. Ich weiß nicht, wie man etwas weiht. Ich weiß nicht, wie man ein Opfer darbringt. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen muss, wenn man es richtig macht. Und wenn ich nichts empfinde, kein spirituelles Erschaudern — war dann das Opfer wertlos? Liegt der Sinn eines Opfers in sich selbst? In meinem inneren Widerhall? Was genau kommt bei den Göttern an? Zählt allein der Wille oder ist das zu modern gedacht? Ist ein Opfer eigentlich etwas Hochmagisches, das richtig bewerkstelligt werden muss, um seine ganze Macht zu entfalten?

Viel zu viele Fragen über ein viel zu wichtiges Thema lassen mich seither nicht mehr los.
Es ist so einfach, sich als Heiden, Asentreue oder Ásatruar zu bezeichnen. Aber mal ehrlich, kennen wir überhaupt die Grundlagen?

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