Das polytheistische Weltbild

Aufgrund der inzwischen jahrhundertelangen Tradition des Christentums in Europa sind die Spuren des Polytheismus mehr und mehr verschwunden. Der Verlust ist hierbei nicht unbedingt die Alte Sitte im Speziellen, sondern die polytheistische Weltsicht im Allgemeinen, die allen (oder vielen) Glaubensformen mit mehreren Gottheiten zueigen ist.
Dabei reicht es auch nicht, einfach einen Blick nach links und rechts zu anderen polytheistischen Kulten unserer Zeit zu werfen: Christentum, Islam und Judentum vereinen die überragende Mehrheit von Gläubigen in ihren Kreisen und bilden so eine öffentliche Meinungshoheit, die suggeriert, es gäbe nur dieses Gottesverständnis. In allen erdenklichen Talkshows und Dokumentationen, die sich den Glauben zum Thema genommen haben, werden christliche, muslimische und atheistische Gäste geladen — vom polytheistischen Weltbild erfährt man erst, wenn man sich spezifisch damit befasst.
Das traurige Ergebnis: Tausende Menschen, die sich vom Glauben abwenden, weil sie der Wahrheitsanspruch anwidert, weil sie sich keinen göttlichen Dogmen beugen wollen, weil sie die institutionellen Machenschaften nicht zu unterstützen gedenken, weil sie Religionen Kriege vorwerfen und weil sie keinen Bezug von diesem Gott und seiner Lehre zu ihrem Leben feststellen.

Die christliche Verantwortung

Diese Abwendung ist eine Folge von Religionskritik und Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert, und in meinen Augen auch das Aufbrechen einer Wunde, die von Anfang an bestand und über die Jahrhunderte zu eitern begann: Das Christentum kam nicht auf natürlichem Wege zu uns, sondern wurde mit dem Schwert gebracht, zerstörte Jahrhunderte, wohl Jahrtausende einer Tradition, die sich mit den Menschen entwickelt hatte, und übernahm eine unnatürliche Stellung an der Spitze der Gesellschaft.
Von Beginn an faulte das gesamte Konstrukt. Schwache Männer häuften Reichtum, hetzten gegen ganze Gesellschaftsschichten, brachten die Menschen dazu, Frauen aufgrund eines willkürlichen Hexenverdachtes zu töten, Völker gegeneinander in die Schlacht zu schicken, um den einen wahren Glauben zu verteidigen und formulierten den Überlegenheitsgedanken des europäischen Volkes — anfangs nicht wegen rassistischer Motive, sondern aufgrund einer Legitimation dank des rechten Glaubens. Durch jahrhundertelange Indoktrinierung dieser Ideologie von Wahrhaftigkeit und Mehrwertigkeit der Christen schaukelten sich die Europäer in immer stärkere Arroganz hoch — und nach der Religionskritik im 18. Jahrhundert musste diese zwangsweise auf eine neue Dimension, eine wissenschaftlichere, umschlagen: auf den Rassismus.
Der Herkunftsstolz der kleinen germanischen Stammesgesellschaften ist mit dem Nationalstolz von Millionen nicht zu vergleichen und steht in keinerlei Zusammenhang. Dieses Gleichschalten von gewaltigen Massen, die sich gegenüber anderen überlegen fühlen, konnte erst durch das Christentum entstehen. Dessen hegemonistische Ideen, die Vorstellung einer Mehrwertigkeit aufgrund einer religiösen Vorstellung, fallen hinter dem nationalsozialistischem Rassismus in keinster Weise zurück — der einzige Unterschied besteht darin, dass dem christlichen Massenmord durch Konvertierung entgangen werden konnte.

Das Schwert in der Hand der Mönche, um ihre Schäfchen zu halten, war nichts als die Drohung der Höllenqualen: Die Angst davor knechtete die Menschen und fixierte sie auf den Tod, wo früher im Mittelpunkt ihres Leben das Leben selbst gestanden hatte.
Ist es erstaunlich, dass eine solche Religion, die sich als Religion der Güte und der Liebe bezeichnet, und die von Anfang an nur Blut und Verderben unter dem Vorwand gebracht hat, „wenn erst alle Christen sind, wird Frieden herrschen”, irgendwann zusammenbrechen musste?
Europa war vollkommen besessen von dieser Religion, hat jeden Gedanken an eine freie Spiritualität verdrängt und steht heute an einem Punkt, wo die Menschen lieber dem Spirituellen entsagen, um frei zu sein, anstatt zu sehen, dass Spiritualität in ihrer gesunden Form niemals knechten kann.

Wer sind die Ketzer?

Der Begriff des Ketzers, des Heiden, also jenes Mannes, der sich der wahren Religion entzieht, der Götzen anbetet und den wahren Gott verleugnet, kann es nur dann geben, wenn der Begriff einer wahren Religion überhaupt existiert. Dieser absolute Anspruch ist ausschließlich monotheistischen Glaubenssystemen zueigen: Da in der Lehre verankert ist, dass es nur einen Gott geben kann, muss jeder, der auch nur einen zweiten erwähnt, als Lügner erachtet werden. Er bestreitet die Wahrheit der monotheistischen Lehre und verleugnet sie.
Für einen Polytheisten schließen sich derartige Gedankengänge ganz selbstverständlich aus. Häufig wissen sie selbst gar nicht, wie viele Götter es in ihrem Pantheon überhaupt gibt — geschweige denn, wie es außerhalb aussieht. Warum sollte es nicht tausende Götter bei einem fremden Volk geben, wenn man selbst dutzende eigene Götter beim Namen nennen kann? Vor allem kann einem Polytheisten die Existenz weiterer Götter vollkommen egal sein, da sie sein eigenes Glaubensbild nicht angreifen. Keine absolute Wahrheit hängt davon ab, dass es nur die Götter gibt, die der Polytheist selbst anbetet.
Diese Toleranz gegenüber anderen Göttern ist an vielen Stellen in der Geschichte zu beobachten. So beschreibt Tacitus in seiner Germania beispielsweise die germanischen Götter und setzt sie mit seinen römischen Göttern in Verbindung. Bekannt ist außerdem, dass die Römer nach der Eroberung Griechenlands griechische Götter vollkommen bedenkenlos in ihr eigenes Götterpantheon übernommen haben. Und als der Name Jesu zu den Germanen kam, ging der Christianisierung eine lange Zeit der Co-Existenz voraus, in der dieser Gott aus dem Süden einfach einer unter vielen war.

Polytheismus lehrt uns Toleranz gegenüber fremden Weltbildern, und zwar nicht, indem alle Geister gleichgemacht werden, als könne nur Gleiches in Frieden leben, sondern indem eines jeden Einstellung und Haltung akzeptiert und nicht bewertet wird. Der Gedanke, alle Menschen müssten zu Christen werden, damit es nie mehr Kriege geben kann, war fatal und brachte nichts als unzählige blutige Schlachtfelder — und niemals Frieden. Selbst als in Europa längst alle Christen waren, da führten die kleinen Sekten gegeneinander Krieg: Arianer gegen Nizäner, Katholiken gegen Protestanen und Anglikaner auf den Britischen Inseln.
Dies ist keine rein christliche Krankheit. Auch der Islam predigt eine Bekehrung oder Tötung von Heiden und auch im Islam bekämpfen sich die Glaubensrichtungen der Sunniten und Schiiten aufs Ärgste. Eine Sonderstellung nimmt dagegen das Judentum ein, das einerseits der Überzeugung ist, der einzig wahren Religion anzugehören, andererseits keine gewaltsamen Bestrebungen gegen Andersgläubige verfolgt, da Menschen, die nicht zum Volke Israels gehören, nicht bekehrt und Juden werden können.

An der Spitze gibt es nur einen Thron

In monotheistischen Religionen ist eine starke Hierarchie erkennbar. Gott steht an der Spitze, keiner kommt ihm nahe und er ist es, der alles lenkt. Er ist allmächtig, allgegenwärtig und allumfassend. Er schuf Erde und Menschen, er ordnet die Welt, nach seinem göttlichen Plan läuft alles ab. Er erhob den Menschen in eine elitäre Position und gestattet ihm die Herrschaft über den Rest der Welt.

Nicht so im Polytheismus. Hier gibt es keine Hierarchie, sondern eine Vielzahl von Systemen, die miteinander verbunden sind. Zwar existieren machtvolle und weniger machtvolle Wesen, aber keines ist dem anderen untertan: Ein Mensch, der wider die Götter handelt, wird nicht mit dem ewigen Höllenfeuer bestraft, die Götter selbst kennen keine Allmacht.
Im Asenglauben haben entstehen sie selbst aus dem Urstoff, ehe sie aus diesem die Erde bauen können. Nicht einmal die Menschen erschaffen sie, sie hauchen ihnen lediglich Leben und Seele ein. Auch von einer Hierarchie zwischen Menschen und Natur kann keine Rede sein: Die Menschen sind abhängig von Naturgewalten und schreiben diese teilweise den Göttern, teilweise Naturgeistern zu. Der Raubbau ist kein menschliches Recht, das von einem allmächtigen Gott genehmigt wurde, sondern ein Diebstahl an gleichberechtigten Kräften, die durchaus im Stande sind, ihren Zorn auf den Räuber zu entladen.
Im Polytheismus ist der Mensch in seine Umwelt eingebettet. Im Monotheismus wird er davon abgetrennt und darüber erhoben.
Im Polytheismus konzentriert sich der Mensch auf seine Taten im Leben und arbeitet für seinen Nachruf und den seiner Verwandten. Im Monotheismus vollführt der Mensch gute Taten,  um ein gutes Leben nach dem Tod zu erhalten (Egozentrik).
Die vollkommene Besessenheit vom Später, die dem Christentum so eingefleischt ist, hat heute im Kapitalismus krankhafte Ausmaße angenommen, wenn anstelle der Hölle auch andere Qualen prophezeit werden (der Jugend Arbeitslosigkeit, den Arbeitenden Altersarmut: „Du musst jetzt an deine Rente denken!”), während gleichzeitig die Gier nach eigenem Wohlstand sämtliche Gedanken des Respekts und der Voraussicht abzutöten scheint, die einen Mann davor warnen würden, die Lebensgrundlage seiner Kinder für kurzweiligen Profit zu zerstören.
Schuld des Christentums? Ich denke ja.

Spiritualität war keine Nebenbeschäftigung

Vor der Christianisierung des Kontinents waren Glaube und Kult untrennbar mit dem Leben der Menschen verbunden. Es war unmöglich sie von der Gesellschaft und Kultur zu trennen. Diese Eigenschaft ist keine Einzigartigkeit der Alten Sitte, sondern kann bei sämtlichen vorchristlichen Glaubenssystemen beobachtet werden.
Mit dem Christentum wurde ein Keil zwischen Gesellschaft und Glaubenspraxis getrieben. Mit einem Mal war nicht mehr jeder Mensch imstande, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten, sondern benötigte einen Mittler, einen Priester. Die Spiritualität wurde den Menschen entzogen und in den Händen weniger an der Spitze vereint. Die christlichen Lehren, deren Herzstück die Bibel ist, war für den gemeinen Menschen unverständlich: Nicht nur, dass er sie nicht lesen konnte, selbst wenn sie bei den Messen vorgetragen wurden, geschah dies in einer Sprache, die niemand verstand, der keine Klosterschule besucht hatte.
Wohin, wenn nicht zum Atheismus, musste dieser Verlust der Spiritualität führen? Verwundert da noch die zunehmende Entwicklung der Esoterik und des Okkultismus etwa zur Zeit der Aufklärung? Erstaunt die noch heute massenhafte Abwanderung und Zuwendung zu zum Teil lächerlichen Splittergruppen, elitären Sekten und gefährlichen, extremistischen Terrororganisationen?

Die modernen Krisen, seien sie spiritueller, seien sie ideologischer Natur, sind zum allergrößten Teil auf die damalige gewaltsame Ausbreitung des Christentums zurückzuführen. Das eine Weltbild wurde vollkommen durch ein anderes ersetzt, die Menschen wurden entwurzelt und entrechtet, verloren ihre Bindung zwischen materieller und geistiger Welt und begannen in der Folge und da keine strafenden Konsequenzen zu befürchten waren, mit dem Raubbau der Erde, der heute an seinem Höhepunkt steht.

Vielfach hört man aus den Mündern moderner Asengläubiger, wir hätten keinerlei Beweise dafür, dass die Menschen damals so viel anders mit ihrer Umwelt umgegangen wären als wir es heute tun. Es würde eine Romantisierung des naturliebenden Germanen stattfinden, die sein eigentliches, menschliches Wesen herunterspiele. Das ist richtig, wir können nur mutmaßen.
Vergleicht man allerdings diese zwei vollkommen unterschiedlichen Weltbilder von Monotheismus und Polytheismus sowie die Folge für Spiritualität, Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung seiner Umwelt, so muss man sich die Frage stellen, wer eigentlich das Wesen unserer Vorfahren herunterspielt und unterschätzt — eingefärbt von unserem selbstbezogenen, wahrheitsbesessenen, christlichen Geist, der uns seit einem Jahrtausend vergiftet und uns glauben machen will, wir seien das Maß aller Dinge. Und so wie wir sind, so ist es immer gewesen: Denn unser ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

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Kommentare: 2
  • #1

    Galdrabók (Sonntag, 06 Mai 2018 19:13)

    Mit einer der besten Beiträge bis jetzt. Ich schätze deine Sichtweise sehr!
    Ps: es hat sich ein kleiner Typo eingeschlichen, im zweiten Absatz unter der Überschrift
    "Wer sind die Ketzer"
    LG

  • #2

    Eichenstamm (Montag, 07 Mai 2018 08:34)

    Hej Galdrabók! Ich danke dir für das Lob, das freut zu hören!
    Den Fehler hab ich korrigiert, ebenfalls einen Dank dafür. Da hab ich wohl fast einen ganzen Satz unterschlagen.

    Grüße