Das Aneignen von Wissen

In dem Artikel „Der unwissende Asentreue” habe ich einerseits die wissenschaftliche Lektüre, andererseits die esoterischen Bücher als ungenügend für eine Ausübung unseres Kultes bezeichnet. Woher dann, wie soll ein moderner Asengläubiger also das Wissen nehmen? Woher die Spiritualität? Vor allem in Anbetracht dessen, dass nicht jeder diese Materie studieren kann, nicht jeder kann die alten Schriften entziffern, Altnordisch erlernen, um die Welt reisen, um die Primärquellen zu begutachten oder mit archäologischer Fachkenntnis Broschen und Schwertklingen untersuchen.
Selbst Forscher spezialisieren sich auf ein Fachgebiet und sind für das andere auf die Erkenntnisse einer anderen Disziplin angewiesen. Und nicht immer funktioniert der Dialog übrigens einwandfrei — sehr häufig kochen sie alle ihr eigenes Süppchen und belächeln die Herangehensweise des jeweils anderen, weil dahinter eine völlig andere Arbeitsphilosophie steht.

Jeder Schritt ist eine Interpretation mehr

Das Wichtigste ist, dass man sich die am wenigsten beeinflussten Quellen heraussucht und mit diesen arbeitet. Ich schreibe „die am wenigsten beeinflussten” Quellen, weil wir keine finden werden, die vollkommen ohne Einfluss sind — seien es die mittelalterlichen Primärquellen, sei es die wissenschaftliche Sekundärliteratur. Einen Text lesen oder verfassen schließt eine Interpretation mit ein, und eine Interpretation ist immer subjektiv und von verschiedenen persönlichen Beweggründen motiviert.
Allerdings gibt es Texte, die mehr oder weniger manipuliert sind: Ein Wissenschaftler bemüht sich zumindest um Neutralität, während die esoterische Literatur gezielt subjektive Erfahrungswerte und Vorstellungen einfließen lässt und damit die objektiven Fakten durchmischt.
Aus diesem Grund ist esoterische Literatur für einen Asentreuen immer zu verwerfen und sollte unter keinen Umständen dafür missbraucht werden, Wissen anzuhäufen. Esoterische Literatur hat nur dann einen Wert, wenn das eigene Weltbild bereits gefestigt ist (und dies nicht durch Esoterik geschah!) und man zwischen den Seiten nach anderen Sichtweisen für spirituelle Fragen oder neuen Gedankenansätzen sucht. Hierbei muss aber klar sein, dass die Esoterik niemals und unter keinen Umständen wissenschaftliche Fakten untergraben darf: Wenn ein Runenesoteriker die Entstehung des Jüngeren Futharks auf die magische Weisheit der Germanen schiebt, dann ist das keine Ansichtsache, sondern steht wissenschaftlichen Fakten gegenüber.

Stattdessen sollte der erste Schritt immer über die Quellen laufen. Die berühmtesten davon sind die Lieder-Edda und die Snorra Edda. Diese beiden Texte wurden zwar von Christen geschrieben und sind daher mit Vorsicht zu genießen, enthalten aber einen Großteil des Wissens zur nordischen Mythologie, das heute im Umlauf ist und in der Forschungsliteratur wieder und wieder ausformuliert wird.
Bereits die Texte der beiden Eddas sind keine neutralen Originale; über das vorchristliche Weltbild wurde, wie bereits gesagt, 300 Jahre später eine christliche Brille durch den Schreiber gelegt. Einen weiteren Filter erhielten die Texte, indem sie transkribiert und schließlich ins Deutsche übersetzt wurden (nur die wenigsten von uns sind imstande Altnordisch fließend zu lesen) — da ist es bloß sinnvoll, wenn wir auf einen vierten Filter verzichten, den ein Wissenschaftler zwangsläufig auflegt, sobald er den Inhalt der Eddas in seinen Forschungen verarbeitet (und der überdeutlich wird, vergleicht man Arbeiten unterschiedlicher Autoren miteinander).

Die Bedeutung der Snorra und Lieder-Edda

Beide dieser Texte haben einen gewaltigen Wert für den modernen Asentreuen — beide auf völlig unterschiedliche Art und Weise.
Als Einstieg ist die Snorra Edda besser geeignet: Sie ist in Prosa geschrieben und sehr einfach zu lesen. In ihr wird die nordische Mythologie erklärt, sie ist also dafür gedacht, Menschen, die nicht darüber Bescheid wissen, Informationen zu bieten. Aus diesem Grund ist sie an Wissen unglaublich reich — und dabei nicht einmal sonderlich dick. Problematisch an ihr ist, dass ihr Verfasser, Snorri Sturluson, überzeugter Christ war, der in einem Kloster erzogen wurde. Dementsprechend fragwürdig ist, wie stark sein christlicher Einfluss ist (in der Forschung hart umstritten), sei es willkürlich, sei es unwillkürlich.
Die Lieder-Edda ist weit schwerer zugänglich, aber auch sie gut lesbar. Die Texte sind nahezu ausschließlich lyrisch und durch die Verwendung altnordischer Stilmittel wie Kenningar nicht immer leicht zu verstehen („Odins Pfand”, „Ods Braut”, „der Beschützer der Erde”). Hinzu kommen dutzende Namen und Begriffe, die nicht jedem gleich klar sind (Ginnungagap, Gnipahellir, verschiedene Odinsheiti uvm.). Aus diesem Grund offenbart sich durch die Lektüre der Lieder-Edda oft nur ein Teil des Inhalts und Anmerkungen von einem Forscher sind an dieser Stelle zur Erklärung sehr willkommen. Der Vorteil der Lieder-Edda gegenüber der Snorra Edda ist der, dass sie zwar ebenfalls in christlicher Zeit niedergeschrieben wurde, man aber davon ausgeht, dass die Lieder allesamt älter sind und in vorchristliche Zeit zurückreichen, manche gar bis in die Völkerwanderungszeit.

Aus diesem Grund sind die beiden Eddas für einen jeden Asentreuen die erste Anlaufstelle, da sie einen guten Überblick darüber schaffen, was man über überhaupt die nordische Mythologie weiß und woher. Allerdings ist bei beiden die Wahl des richtigen Übersetzers das A und O, um wirklich von der Lektüre zu profitieren.

Weitere Primärquellen

Es gibt natürlich viel mehr Quellen für unseren Glauben, wenn die meisten auch weniger bekannt sind.

Sagas: Die Sagas sind ein Genre mittelalterlicher isländischer Literatur, die häufig in einer Zeit spielen, in welcher der Asenglaube noch vertreten war. Zwar sind auch diese Angaben mit Vorsicht zu genießen, da es möglich ist, dass eine romantische Verklärung des Kultes vonseiten der Autoren stattfand — schließlich entstammen auch sie allesamt der christlichen Zeit und es kann gut sein, dass der alte Volksglauben exotisch ausgeschmückt wurde.
Doch es gibt durchaus die Beschreibung von Ritualen oder kultischen Handlungen, die andernorts bestätigt werden und so an Glaubhaftigkeit gewinnen.

Runensteine: Die Texte der Runensteine sind meist sehr kurz und außerdem nur zum kleinen Teil von sakralem, vorchristlichem Inhalt (nur etwa 200 Stück). Dennoch — diejenigen, auf denen wir Spuren der Alten Sitte finden, sind natürlich sehr interessant, da sie im Gegensatz zu den Eddas und Sagas direkt von der Hand eines Asengläubigen geritzt wurden. Ein Beispiel für einen solchen Stein ist etwa einer der drei erhaltenen Steine des Hunnestad-Monuments in Schonen. Seine Darstellung lässt sich erst durch die Snorra Edda entschlüsseln, da Snorri von der Riesin Hyrrokkin erzählt, der im Balder-Mythos die Rolle zukommt, das Schiff ins Meer zu setzen (Krause, Runen).
Häufig sind Runensteine allein schwer zu deuten und können erst mithilfe der Eddas verstanden werden. Dennoch ist ihre Rolle beträchtlich, denn sie fungieren als Zeugen für die getätigten Aussagen der Edda und bestätigen so die Erzählung Snorri Sturlusons.

Skaldenstrophen: Ein sicherlich schwer zugänglicher Bereich der altnordischen Überlieferung sind die Skaldenstrophen, die allein schon durch ihre komplexe Form selbst Profis auf dem Gebiet Kopfzerbrechen bereiten. In großer Zahl wurden sie vor der Zeit des Christentums gedichtet und sind mit alten mythologischen Anspielungen durchsetzt. Mitunter geben sie Hinweise auf Dinge, die uns die Eddas nicht überliefern und die daher schwer verständlich sind. Im anderen Teil bestätigen sie ähnlich wie die Runensteine die Version, die in den Eddas überliefert wird. Auch sie wurden von Christen überliefert, sind aufgrund der komplexen Versform aber mit ziemlicher Sicherheit unverändert und somit authentisch.

Texte in der Volkssprache: Einige wenige Texte sind uns überliefert, die alte Inhalte besitzen (etwa die Merseburger Zaubersprüche). Insbesondere für den kontinentalgermanischen Raum sind sie von Bedeutung, da wir auf etwas Ähnliches wie die Edda nicht zurückgreifen können und damit leider sehr häufig auf die nordische Überlieferung angewiesen sind.

Lateinische Texte: Diese sind meist stark subjektiv und niemals von Asengläubigen verfasst. Sei es der römische Blick von Tacitus und Caesar, sei es der christliche Blick von Saxo Grammaticus: Immer entstammen die Autoren aus einem stark geprägten Umfeld und betrachten den germanischen Kult von außen. Dies ist teilweise respektvoll (Tacitus), teilweise abfällig und dämonisierend (Saxo Grammaticus). Daher ist auch bei diesen Texten sehr starke Vorsicht geboten. Der Vorteil ist jedoch, dass sie häufig aus einer Zeit stammen, in welcher der vorchristliche Kult noch lebendig war, sie also gleichzeitig entstanden und mitunter sehr detailreich sind.

Überbleibsel: Als erste Anlaufstelle sicherlich nicht geeignet, aber dennoch interessante Quellen sind die Reste der vorchristlichen Kultur, die bis heute überlebt haben. Dazu zählen Aberglaube, Heiligenanbetung (häufig nehmen Heilige die Rolle ehemaliger Lokalgottheiten ein), Märchen oder Bräuche wie Fasching, die Krampus- oder Perchtenläufe in den Alpengebieten sowie Feste mit heute christlichem Überzug wie Weihnachten (Jul) und Ostern (Ostara).

Sekundärliteratur

Wissenschaftliche Sekundärliteratur sei jedem ans Herz gelegt, der Interesse an der Alten Sitte zeigt. Er wird darin keine Anleitungen für Rituale oder Ähnliches finden (wie es in manchen Esoterikbüchern etwa vorgebetet wird), dafür aber die Zutaten, um selbst zu seinen Ritualen zu finden.
Die Lektüre solcher Bücher erweitert den Horizont ungemein und lässt mehr und mehr ein Bild von der damaligen Gesellschaft entstehen, aus der sich zumindest in Teilen auch der spirituelle Glaube, das menschliche Miteinander und der Blick auf die Umwelt schließen lassen. Allerdings muss hier deutlich im Hinterkopf bleiben, dass auch die Wissenschaflter a) nicht immer Fakten präsentieren, sondern häufig Deutungen und Interpretationen, die umstritten sind, und b) mitunter irren können. Dennoch sind sie unabdingbar für uns, da sie aufgrund ihres Studiums imstande sind, Wissen aus allen möglichen Sparten zusammenzutragen und dieses in verständliche Sprache für uns zu übersetzen.
Leider haben viele von ihnen den Stolz und die Angewohnheit, ihre Meinung nicht als solche zu kennzeichnen und Gegenmeinungen entweder gar nicht zu erwähnen oder derart lapidar vorzustellen, dass man sie zwangsweise nicht ernst nimmt.

Was heißt das für uns?
Moderne Forschungsliteratur ist für einen heutigen Asentreuen nicht mehr wegzudenken und auf gar keinem Fall sollte man sich ihr verweigern, weil die Forschung ihre Ergebnisse nicht objektiv bewertet (beziehungsweise bewerten kann). Wichtig ist stattdessen immer ein gleichzeitig offener und kritischer Blick auf jede neue Erkenntnis und vor allem auf jede abschließende Bemerkung zu einem Sachverhalt.


Quellen

Krause: Krause, Arnulf. Runen, Marixverlag, Wiesbaden 2017, S. 111.

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