Buchbesprechung: „Ruf der Runen“ von Igor Warneck

Inhaltlich trifft Igor Warneck mit seinem Runenbuch genau den Kern derer Runenbücher, vor denen ich immer wieder warne. Runengesänge, Runentänze, Runeninterpretationen, die dem modernen Menschen bestens angepasst wurden – all diese Dinge geben den Eindruck, bei den Runen handle es sich um Werkzeuge für das perfekte, ausgeglichene Leben. Tatsächlich aber fehlt es an fundamentiertem Wissen, an Erfahrungen, die über die esoterischen Runen hinausgehen, an einem komplexen Bild, was Runen denn eigentlich bei den Germanen waren – und nicht, wozu sie im 20. und 21. Jahrhundert gemacht wurden.

Ich beginne chronologisch.

 

[…] Irgend etwas in mir wußte etwas über die Runen, doch ich kannte „es“ nicht. „Es“ regte sich immer wieder auf: über Literatur zu den Runen, über Wissende, Meister und Druiden, und ich rebellierte. […] Bücher zum Thema konnte ich liegen lassen, mich nach innen wendend, meinem wissenden „Es“ folgend, auf der Suche nach dem Wissen der Runen. […] Ich begab mich auf den Weg, die Runen selbst kennenzulernen, ohne die Umwege über theoretische Quellen. Ich kannte die Zeichen, ich kannte die Namen, das war es. Den Rest brachte mir „Es“ bei.

 

Was Igor Warneck mit „Es“ meint, wird nicht genauer präzisiert, es ist vermutlich eine Art Intuition, innere Ahnung. Es ist typisch für solche Runenlehrer, dass sie ihr Wissen über die Runen aus sich selbst holen. Meist wird es damit begründet, dass die Geheimnisse der Runen eben nicht aus wissenschaftlicher Literatur gezogen werden können, sondern erspürt werden, selbst erfahren werden müssen. Das ist eine gute Erklärung, durchaus, besagt aber eigentlich nichts anderes, als dass auch dieser Runenmeister sein Wissen auf keinerlei Fundament begründet. Alle weiteren Runenerklärungen sind nichts weiter als Interpretationen und persönliche Gedanken, die mit den historischen Runen, ja selbst mit den historischen, magischen Runen nichts zu tun haben.

Warneck sagt es sogar selbst, er regte sich über andere Literatur auf (es ist nicht klar, ob er damit andere esoterische Bücher meint oder wissenschaftliche) und „Bücher zu dem Thema konnte ich liegen lassen“ – weil er das theoretische Wissen nicht braucht, weil er diesem erhaben ist. Er nennt es „Umwege“, er bevorzugt den direkten Weg über sich selbst. „Ich kannte die Zeichen, ich kannte die Namen, das war es“.

Das war es. Mehr nicht. Er kannte die Zeichen und Namen und war davon überzeugt, die Runen besser verstanden zu haben, als es über theoretische Umwege möglich gewesen wäre. Was für ein Irrtum das ist, wird sich herausstellen.

 

Irgendwann kommt in jedem von uns die Zeit dieser Offenheit und dann ist es soweit: Der Ruf wird mit einem Ruf beantwortet, und die Suche beginnt. Vorher hat es gar keinen Sinn, sich die Mühe zu machen, etwas über Runen, etwas über die Geheimnisse unserer germanischen Vorfahren erfahren zu wollen, was über ein wissenschaftliches Verständnis hinausginge: Der erlernte Stoff bliebe trocken wie Erde ohne Regen, unfruchtbar. So entstanden viele hochgeistige Runenweisheitslehren, die in den Regalen der Gelehrten verstauben.

 

Das Glück der „Eingeweihten“: Der innere Ruf muss erwidert werden. Auch dieser Aspekt ist ein Klassiker der Runenesoterik.

Weitaus kritikreifer ist der Absatz danach. All das, was rein wissenschaftliches Wissen betrifft, ist natürlich „keine Mühe“, mühevoll wird es erst, wenn man Erfahrungen darüber hinaus sucht. Es entsteht der Eindruck, der wissenschaftliche Diskurs über Runen sei eingeschlafen, „verstaubt in den Regalen der Gelehrten“ – eine Behauptung, die von jemandem aufgestellt wird, der selbst behauptet, sich mit dieser Art der Literatur nicht weiter auseinandergesetzt zu haben, weil er es nicht benötigt. Vollkommen ignoriert wird der Fakt, wie wild die Diskussionen über Runen in den wissenschaftlichen Kreisen toben. Warneck mag sich nicht vorstellen können, wie viele Themen es im Bereich der Wissenschaft über Runen gibt, über welche debattiert werden können: Es entsteht gerne der Eindruck, dass die Wissenschaft einzig über die Herkunft der Runen fachsimpelt (ohne selbstverständlich zu einem Ergebnis zu kommen), während Dinge wie Bedeutung der Runennamen und Runenmagie allein in das esoterische Spektrum fallen und daher für die Wissenschaft nicht von Bedeutung sind. Natürlich reiner Humbug. Wissenschaftliche Fragenstellungen sind durchaus auch für die Runenmagie von Interesse: Wer waren die Runenmeister? Welche Bedeutung haben doppelt geschriebene Runen? Welche magischen Runenformeln gibt es in Inschriften? Was hat es mit den Brakteaten, den dortigen Runen- und Odinsdarstellungen auf sich?

 

Was man mit Runen machen kann

Alles. Grenzen setzt uns nur die eigene Phantasie. Die Runen sind ein allumfassendes System und lassen sich ebenso einsetzen.

 

Wenn man die Runen unter dem Aspekt behandelt, schöne Zeichen vor sich zu haben, die zwar Namen haben, aber ansonsten keinerlei tiefergehenden Bezug zu ihren Wurzeln, zu einem inneren Wesen, vielleicht sogar einem inneren Stolz, dann ist diesem Absatz natürlich nichts mehr hinzuzufügen. Sieht man die Runen aber im Kontext ihrer Geschichte und möchte man bei der Runenarbeit nicht wild herumfantasieren, dann gibt es sehr wohl Grenzen. Runen sind kein allumfassendes System und lassen sich nicht ebenso einsetzen.

Wir haben deutliche Nachweise für magische Runen im Bereich der Flüche und Heilszauber. Es gibt Hinweise auf Runen für Orakel und Zukunftsvorhersage – aber hier wissen wir nicht, wie die Abläufe aussahen. Und es gibt sehr dünne Hinweise für weitere Runenzauber, die im Hávamál erwähnt werden, aber auch hier haben wir keine Ahnung, wie solche Zauber ausgesehen haben könnten.

Von Runengesängen ist nirgendwo die Rede (wohl aber von Zaubergesängen), noch weniger von Runentänzen, Runenmeditiation oder Runenyoga. Runenlegetechniken sind nicht überliefert, auch keine Runensets und ebenso wenig einzelne Runen auf Kieselsteinen.

 

Das Ältere Futhark […] mit dem wir in diesem Buch arbeiten werden, war von 200 v.u.Z. [vor unserer Zeitrechnung, Anm. von Eichenstamm] bis 500 u.Z. [unserer Zeitrechnung, Anm. von Eichenstamm] die allgemeingültige Form. Im Volk überlebte es bis ins späte Mittelalter.

 

Der kurze einleitende Absatz strotzt bereits vor Fehlinformationen.

Es gibt keinen einzigen Runenfund aus der Zeit vor 0, die ersten Funde stammen aus 200 nach unserer Zeitrechnung. Folgt man der Theorie, dass die Runen aus den norditalischen Schriften stammen, dann kann man für 200 v. u. Ztr. etwa die Zeit der Entstehung der Runen ansetzen – das ist aber nur ein theoretisches Datum ohne gesicherte Quellen.

Das Ältere Futhark war nicht bis 500 u. Ztr. in Verwendung, sondern etwa bis 600-700. Ganz bestimmt überlebte es im Volk nicht bis ins späte Mittelalter: Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Das Futhark, welches bis ins Mittelalter und darüber hinaus überlebte, war das Jüngere Futhark, nicht das Ältere.

 

Das Jüngere Futhark […] entwickelte sich um 700 u.Z. und war um 800 abgeschlossen. Diese wunderliche Verkürzung einer Reihe von Schriftzeichen liegt nach Meinung mancher Runen-Forscher darin begründet, daß durch die Christianisierung unseren Vorfahren die Kraft genommen werden sollte und man aus diesem Grund die Runenreihe zurechtstutzte.

 

Es ist immer wieder erstaunlich, was für einen Humbug, man in solchen Büchern lesen kann. Ein Zurechtstutzen des Futhark, um ihm seine Kraft zu nehmen – das ist schlichtweg Unsinn. Solch eine Macht hatte das Christentum zu dieser Zeit noch nicht, um 700 war der Einfluss der neuen Religion noch verhältnismäßig gering. Wie schon häufiger besprochen, gab es gänzlich andere Gründe für eine Entwicklung des Älteren Futhark zum Jüngeren – über die man sich ohne Weiteres informieren könnte, wenn man sich für die trockenen Bücher der Wissenschaft interessieren würde.

Warneck zufolge wurde das Ältere Futhark bis 500 verwendet, ab 700 das Jüngere. Es stellt sich durchaus die Frage, was in den 200 Jahren dazwischen passiert ist.

 

Der tatsächliche Ursprung der Runen liegt wissenschaftlich noch immer im dunkeln [sic!]. Es gibt verschiedene Theorien, die jedoch alle nicht sehr überzeugend sind.

 

Schade, die Wissenschaft bekommt aber auch gar nicht auf die Reihe.

 

Eine davon besagt, daß im zweiten Jahrhundert Zimbern und Teutonen die italienische Halbinsel eroberten, dort mit dem nordetruskischen und lateinischen Alphabet in Berührung kamen, die wichtige Bedeutung der Schrift erkannten und nach diesem Vorbild die Runen schufen.

 

Hier werden zwei Theorien – die Latein-These und die norditalische These – wild zusammengewürfelt. Keine einzige Theorie spricht allerdings vom 2. Jahrhundert, denn wenn sich die ersten Runeninschriften bereits im 2. Jahrhundert finden, dann kann zu dieser Zeit nicht erst die Runenschrift „erfunden“ worden sein. Vielmehr ist zumindest bei der norditalischen These vom 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Rede.

 

Diese Theorie läßt unsere Vorfahren als einfalls- und kulturlose Barbaren erscheinen, was sich jedoch im Hinblick auf ihre Kunst als unglaubwürdig herausstellt.

 

Das mag daran liegen, dass die Theorie nicht restlos verstanden wurde. Letztendlich besteht keinerlei Zweifel daran, dass die Runen keine Erfindung der Germanen waren, sondern von einer anderen Schrift inspiriert wurden. Dies mit der Kulturhöhe der Germanen gleichzusetzen, ist jedoch falsch. Selbst die Römer haben ihre Schrift nicht erfunden, sondern anhand der griechischen Schrift entwickelt.

Ihre Kunst ist besonders und ich selbst schätze sie zutiefst – aber Kunstfertigkeit ist kein Gegenargument dafür, dass die Germanen ihre Schrift selbst erfunden haben müssen.

 

Für die magische Arbeit ist es nicht von großem Interesse, woher die Runen kommen – sie sind da und das laut der nordischen Göttergeschichte bereits vor Anbruch der Menschenwelt.

 

Der Grund, warum für die „magische Arbeit“ die Herkunft der Runen (und übrigens alles weitere, was mit ihrer Geschichte und Überliefertem zu tun hat) nicht von Interesse ist, ist der, dass auch die Runenesoterik Warnecks sich gar nicht auf die tatsächlichen Runen beziehen möchte. Von Interesse sind lediglich die esoterischen Runen: Die Träger der individuellen Vorstellungen eines jeden Runenmagiers, der für sein Weltbild und sein Gedankenkonstrukt eine Form sucht, mithilfe dessen er es erklären kann. Je älter und ursprünglicher diese Träger, desto berechtigter auch die These – aber an die ursprüngliche Überlieferung muss sich keiner halten, da sie nur unbequeme Grenzen auferlegt.

 

Auch die Kirche hat sich der Runenkraft bedient, indem sie aus Wunjo und Gebo eine Binderune schuf – heute bekannt als Zeichen des Pax Christi.

 

 Auch das ein Beispiel, wo ein Fakt in einen vollkommen falschen Zusammenhang gestellt wird und so Tatsachen verdreht und zu Falschinformationen werden. Das Zeichen für Pax Christi besteht nicht aus Gebo und Wunjo, sondern aus zwei zwar identischen Zeichen mit aber völlig anderer Bedeutung. Das Wunjo ähnelnde Zeichen ist das lateinische P, also Pax, das X dagegen stammt aus dem griechischen Alphabet – Chi – und steht für das C, also für Christus. X, ein sehr häufig gebrauchtes Kürzel für Christus übrigens, das sich in vielen mittelalterlichen Handschriften findet.

 

Meine Antwort auf die Frage, woher die Runen kommen, mag etwas aus dem üblichen Rahmen fallen und vor allem unwissenschaftlich erscheinen, doch vielleicht hilft sie dem einen oder anderen Leser bei seinen eigenen Gedankengängen weiter: In früheren Zeiten war der Gebrauch von Schrift, wie wir ihn heute kennen, nicht üblich. Wissen wurde nach altem Brauch durch Erzähler weitergegeben und durfte nicht niedergeschrieben werden. Dies hatte seinen Grund: Der Mensch ist buchstabengläubig und glaubt oft erst, wenn er etwas schwarz auf weiß vor sich sieht. Er hält sich dann an diesem Wissen fest, und zweifelt ihn jemand an, beruft er sich auf diese Schriften; sie geben ihm die Sicherheit für seine Meinung und Ansicht. Er wird durch diese Abhängigkeit jedoch sehr starr und kann Verantwortung leicht abgeben. Dies lag jedoch nicht im Sinne unserer Vorfahren und führt auf einem magischen und spirituellen Weg nicht sonderlich weit.

 

Eine eigene, nicht wissenschaftliche Erklärung und leider auf keinem stabilen Fuß.

Da die Germanen keine Schriftkultur besaßen (auch dann nicht, als sie mit Runen schrieben, da ihre Gesellschaft niemals derart von Schrift geformt wurde), hätten sie niemals wissen können, welche Nachteile es mit sich bringt, wenn Wissen mit Schrift fixiert wird. Buchstabengläubigkeit kommt bei Schriftkulturen vor, ja, aber nicht bei Kulturen, die fernab von Büchern leben.

Noch dazu wurde das Phänomen bereits erforscht. Während gelesenes Wissen zumindest hinterfragt werden kann (natürlich bei weitem nicht immer wird), ist das Auswendiglernen von Wissen weitaus weniger vorteilhaft für das kritische Denken. Beim Auswendiglernen wird nichts hinterfragt.

Eine Schrift also deswegen nicht zu erfinden, weil das kritische Denken angeregt werden soll, ist kaum glaubhaft. Zumal das kritische Denken in kaum einer Kultur tatsächlich gefördert wird – auch in unserer heutigen nicht – weil es der gesellschaftlichen Elite niemals zugute kommt.

 

Die Rune Fehu bedeutet für den einen „Vieh“, für den anderen „Feuer“ – und beides ist richtig!

 

Wie soll mit einem magischen System gearbeitet werden, wenn alle Zeichen derart willkürlich sind? Es ist richtig, dass sehr viel von der eigenen Interpretation abhängt und alles ein wenig individuell ist – aber individuell ist nicht gleichbedeutend mit beliebig und vollkommen orientierungslos.

Die Verbindung von Fehu zu Feuer erschließt sich beispielsweise nicht ohne Weiteres.

 

So kann man durch Runen auf zwei Wegen etwas ausdrücken: über eine Aneinanderreihung von Bildern oder über eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ersteres bereitet den Wissenschaftlern ein großes Problem, da sie nur gelernt haben, Buchstaben zu deuten, wo es um die Abfolge von Bildern geht.

 

Die Wissenschaft hat sich durchaus mit den Runenformen bzw. den Bildern, die Runen darstellen könnten, beschäftigt. Die Theorien dazu füllen Bücher, wurden in der modernen Wissenschaft allerdings größtenteils verworfen. Forscher wie Helmut Arntz, dessen Theorien auf Eichenstamm im großen Stil Zuspruch erfahren, hat allerdings in vielen Kapiteln erklärt, wie seines Erachtens die Runenformen mit den vorrunischen Kultbildern auf Felsritzungen u.Ä. zusammengehören.

Es gibt Wissenschaftler, die sogar Runensteine als Ganzes wie ein Bild lesen und so neue Bedeutungen entschlüsseln.

Die im Buch folgende Tabelle mit den Runen und ihren Bedeutungen sind in einer Vielzahl schlichtweg falsch: Fehu als Tierherde, Thurisaz als Donner, Kenaz als Spiegel, Jera als Rad, Tiwaz als Speer usw. Bezeichnenderweise werden diese Bedeutungen unter dem Stichwort „Sinnbild“ gelistet, nicht „Übersetzung“ oder „Bedeutung“, wodurch Warneck sich strenggenommen von einer wörtlichen Übersetzung freispricht und seine eigenen Ideen problemlos anbringen kann. Aber ich frage mich einmal mehr: Warum verwendet er die historischen Runen, wenn ihm nichts an ihrer Bedeutung liegt?

 

Ich beende die Buchbesprechung an dieser Stelle. Es wurde zur Genüge erarbeitet, warum Warnecks wissenschaftliche Grundlagen zu wünschen übrig lassen und seine eigenen Runenlehren nichts als eigene Erfindungen ohne jeglicher Basis sind. Die Runen werden hier einmal mehr Sinnbilder einer modernen Selbsterfahrungslehre und passen somit perfekt zu dem beruflichen Profil dieser Art von „Runenmagiern“: Es wird ein System gebraucht, das Menschen helfen soll, mithilfe von Esoterik ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und das in dutzende andere Systeme passt, die weltweit aufgesammelt wurden. Eine Verbindung zu den tatsächlichen Runen wird nicht gezogen – und soll gar nicht gezogen werden.


Literatur

Warneck: Igor Warneck, Ruf der Runen. Eine Einführung in die Welt der Runen, Schirner Verlag, Darmstadt 2005.

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