Allgemeiner Überblick

Runeninschriften treten bereits im älteren Futhark in sehr unterschiedlichen Längen auf: Von Einwortinschriften (meist ein Name) bis hin zu längeren Steinritzungen wie etwa auf dem Stein von Eggja mit 192 Runen ist alles dabei. Während bei solchen langen Inschriften auf freistehenden Steinen die Bezeichnung „Mitteilung” noch durchaus zutreffen mag, ist es bei vielen anderen Funden durchaus fraglich, inwiefern sie „mitteilsamen” Charakter haben (vgl. Düwel, S. 11): Auch diese Beobachtung spricht durchaus für die im zweiten Artikel angesprochene These, dass es sich bei Runen um eine Kult-, nicht um eine Gebrauchsschrift handelt.
Bei einigen Inschriften muss man sich gar fragen, ob sie überhaupt für das Auge fremder Personen gedacht waren, insbesondere dann, wen man von Inschriften spricht, die sich auf der Unterseite von Grabsteinen befinden (wie man es etwa für die Grabplatte von Kylver vermutet) oder von Broschen, deren Inschriften und Widmungen stets auf der Rückseite angebracht sind. Düwel nennt als Grund hierfür allerdings ausdrücklich den Platzmangel auf der Vorderseite wegen der dort angebrachten Ornamentik. Inwiefern man bei solchen Funden also von magischen Schutzformeln oder profanen Widmungen ausgehen muss, kann nicht abschließend geklärt werden.

Machen wir allerdings einen Schritt zurück und betrachten, was Runen überhaupt sind.

Was bedeutet „Rune”?

Das Wort Rune kommt im gesamtgermanischen Raum vor, gotisch „rūna”, althochdeutsch „rūna(stab)”, altsächsisch „rūn”, altenglisch „rūn”, altnordisch „rún” und mittelhochdeutsch „rûne”. Im Deutschen ging das Wort Rune wohl im Laufe der Zeit verloren, ansonsten hätte sie sich wie das Verb „raunen” mittels Diphthongierung in „Raune” entwickelt. Erst im 17. oder 18. Jahrhundert wurde es aus den skandinavischen Sprachen erneut übernommen und eingedeutscht. In sämtlichen alten Sprachen ist es mit der Grundbedeutung „Geheimnis” und „geheime Beratung” belegt.
Weitere Wortwurzeln finden sich in „Geraune” (gotisch „garuni”, althochdeutsch „giruni”) sowie in einigen Namen wie Sigrun, Heidrun, Gudrun usw. Außerdem ist es im Namen der Pflanze Alraune erhalten. Eine weitere etymologische Verbindung findet sich für das Mittelhochdeutsche „rienen”, was so viel wie „jammern” bedeutet. Das altirische „rūn” und das kymrische „rhin” führten zu der Vermutung, dass das germanische Wort dem Keltischen entlehnt wurde.
Beim Finnischen „rūno” ist unsicher, inwiefern es mit der Rune verwandt ist, da die finnische Sprache keine indogermanischen Wurzeln hat. Arntz spricht allerdings von der Möglichkeit, dass es sich dabei um ein germanisches Lehnwort handelt. Düwel schließt die Möglichkeit einer Verwandtschaft aus.

 

urgermanisch rūnō Raunen, Beratung, Geheimnis, Gerücht, Rune
  rūnēn raunen, flüstern
altnordisch rún Rune, Runenschrift, Geheimnis, geheime Weisheit, Rede, im Plural: geheimnisvolles Reden
altsächsisch rūna Beratung, Gespräch
  girūni Geheimnis, geheime Beratung
angelsächsisch rūn Rune, Runenschrift, Beratung, Geheimnis
  zereonian flüstern
althochdeutsch rūna Rune, Runenschrift, Geheimnis, Geflüster
  rūnōn raunen
  girūni Geheimnis, geheime Beratung
mittelhochdeutsch rûne Geheimnis, Geflüster
gotisch rūna Geheimnis, Beschluss
  garūni Geheimnis, geheime Beratung
altirisch rūn Geheimnis, geheimnisvolle Kunde
kymrisch rhin Geheimnis
finnisch rūno Lied, Zauberlied

Das Material der Funde

Runen wurden insbesondere für epigraphische Zwecke verwendet, das heißt, sie wurden eingemeißelt, eingraviert, eingeritzt, eingeschnitten oder eingekerbt (vgl. Düwel, in: RGA). Diese Umstände lassen vermuten, dass die eckige Form der Runen auf das Material zurückgeht, auf dem Runen insbesondere zu Anfang geschrieben wurden.

 

„As already mentioned, the characteristic angular shape of the runes was initially due to their being inscribed on wood. The perishable nature of the material prevented largescale survival of wood-inscriptions, but some relatively early ones have been preserved in the Danish peat-moors.”
Ralph V. W. Elliott, Runes. An Introduction, S. 17

 

Eine Meinung, die jedoch nicht von allen geteilt wird und der vor allem in der jüngeren Forschung vehement widersprochen wird:

 

„Die lange Zeit vertretene These, die eckigen Runenformen seien ursprünglich für Einträge in Holz (oder Knochen) geschaffen worden, lässt sich nicht aufrecht erhalten, nachdem in Mooren eine Reihe von Inschriften aus der Zeit 200-350 n.Chr. zutage kam, auf denen auch Rundformen begegnen (Hobel und Feuerstahlgriff aus Illerup, Kamm und Hobel aus Vimose sowie Axtstiehl aus Nydam).”
Klaus Düwel, Runenkunde, S. 7

 

Neben Holz und Stein gehören außerdem Horn, Metall und Knochen zu den frühesten Materialien für Runeninschriften. Bei Metall sprechen wir vor allem von Waffen, Münzen, Schmuck und Werkzeugen, während es bei Stein um größtenteils Grab- oder Gedenksteine (sogenannte Bautasteine), seltener um Felsinschriften geht (vgl. Elliott, S. 17-18).

Die Gegenstände

Man unterscheidet zwischen losen, transportablen Gegenständen und festen, ortsgebundenen Gegenständen. Zu ersteren gehören Waffen, Knochen, Broschen, Fibeln, Amulette, Brakteaten, Schemel, Hobel, Kämme usw. Zu den festen Gegenständen gehören Bautasteine, Felsritzungen, Grabsteine oder große Kreuze.
Bei aufgerichteten Runensteinen unterscheidet man zwischen einseitig und zweiseitig beschrifteten Steinen. Im älteren Futhark gibt es etwa 360 Steinsetzungen, im jüngeren Futhark dagegen steigt die Zahl in die tausenden – insbesondere in Schweden.
Während die festen Runenfunde anhand von Zeichenformen und linguistischen Aspekten zeitlich ausgewertet werden, können bei den losen Gegenständen auch archäologische Kriterien helfen. Ein Großteil dieser Funde stammt nämlich aus Grabkontexten und kann daher mithilfe der anderen Grabbeigaben datiert werden. Allerdings muss das Alter des Grabes keineswegs mit dem Alter der Runeninschrift übereinstimmen – ebenso wenig wie das Alter des Gegenstandes mit dem Alter der Runeninschrift übereinstimmen muss. Diese kann lange nach der Herstellung und weit vor der Niederlegung im Grab angebracht worden sein. Hilfreiche Hinweise für eine Deutung ist daher der Grad der Abnutzung der Inschrift.

Weiteres Material, das im Mittelalter dazukommt, ist Pergament. Die Runentradition auf Pergament unterscheidet sich von der Epigraphik allerdings zum Teil (etwa in Bezug auf den Inhalt der Inschriften), während sie im anderen Teil einander zu entsprechen scheinen (wie bei den Runenformen). Bei den meisten dieser Funde handelt es sich um Runenalphabete, die niedergeschrieben wurden, aber auch Runengedichte, bei denen den Runennamen ein reimender Vers beisgestellt ist, kommen vor. Sehr selten dagegen sind ganze Codices, die in Runenschrift verfasst wurden. Die Runentradition auf Pergament wird allgemein als Runica manuscripta bezeichnet.

Die Runenreihen

Die Runenreihe wird als Futhark bezeichnet, ein Name, der von den ersten sechs Runen der Reihe herstammt. Da sich die Reihenfolge der Zeichen grundsätzlich stark vom griechischen und lateinischen Alphabet unterscheidet, sollte die Bezeichnung Runenalphabet eher gemieden werden. Nur bei den Runenreihen, die im Mittelalter auf Pergament geschrieben und dort häufiger in alphabetische Reihenfolge gebracht werden, ist der Begriff passend.

Das Futhark lässt sich in drei Ættir aufteilen, die nach den Göttern Freyr, Hel und Týr benannt werden. Diese Ættir sind bereits in der frühesten Runenperiode bezeugt und wurden auch später häufig für Geheimrunen verwendet, die Zuordnung der Götter allerdings kommt aus späterer Zeit.

Die älteste Form der Runenreihe, das sogenannte ältere Futhark, entwickelte sich etwa im 9. Jahrhundert in das jüngere Futhark, das im skandinavischen Raum verwendet und wiederum weiterentwickelt wurde. In Großbritannien dagegen entstand das sogenannte Futhorc. Diese drei unterschiedlichen Runenreihen gelten als die wichtigsten. Weitere Reihen, wie etwa das Armanen-Futhark, sind neumodische Erfindungen und haben mit den historischen Runen ebenso wenig zu tun, wie die Runen der Hunnen und Türken.

Bezeichnung der Stäbe

Helmut Arntz vermutet, dass die Buchstaben der Runenschrift eigentlich als Stäbe bezeichnet wurden. Mit Stab sei allgemein Schriftzeichen gemeint gewesen. Um „das Runenzeichen (ags. rūnastæf, ahd. rūnstab, an. rūnastafr) vom Lateinbuchstaben (bōcstæf, bōhstab, bōkstafr = latīnustafr, wie bōkmāl = latīnumāl ‚lateinische, kirchliche Sprache’: rūnamāl ‚die Runenreihe’) zu scheiden” hätte man diesen Stab, ‚stafr’ hinter ‚rūna’ oder ‚bōk’ gestellt, also zwischen Buchstabe und Runenstab unterschieden. Die Verbindung von ‚Buch-’ zu Buche sei nicht mehr gezogen worden, stattdessen hätte man an das Buch gedacht und die lateinische Schrift daher mit einer Buchschrift gleichgesetzt.
Bezeichnenderweise wird auf dem Stein von Grummarp von etwa 620 geschrieben: „Haþuwulf setzte drei Stäbe f f f”.
Von der Bedeutung „Runenschriftzeichen” sei der Plural ‚stafir’ im Altnordischen auf „(geheime) Kunde, (geheimes) Wissen” weiterentwickelt worden.

In diese Richtung deutet Arntz weiter, diese Stäbe seien ursprünglich Losstäbe gewesen, die geworfen worden seien, um das Schicksal zu befragen. In diese Richtung passt auch das Wort Kefli:

 

„Zwar ist dieses Wort nur im Norden bezeugt, und dort tritt es uns erst auf Island im 13. Jahrh. entgegen. Die Quellen berichten dann aber in völliger Einstimmigkeit, dass Runen auf solche kefli eingeritzt worden seien und ‚in großen Teilen des germanischen Sprachgebietes, Schweden, Nord- und Mitteldeutschland, Holland und Schottland, sind dem kefli nahverwandte, auf kaƀlan oder kaƀla- zurückgehende Wörter in den Bedeutungen ‚Losholz’, ‚Los’ und ‚Anteil’ bezeugt, oft in einem altertümlichen Brauch. […] Das aber führt mit seinen Bedeutungen ‚Los, Anteil, runenberitztes Holz’ wiederum unmissverständlich auf das Loswerfen als den Grundbereich der Runenritzung; und um staƀaz steht es nicht anders.”
Helmut Arntz, Runenkunde, S. 283-284

 

Es muss Arntz’ Enthusiasmus zum Trotze festgehalten werden, dass es sich bei den runakefli, als sie in den verbrannten Trümmern von Brygge in Bergen, Norwegen, auftauchen, alles andere als um Losstäbchen, sondern vielmehr um zurechtgeritze Holzstäbchen handelte, auf denen banalste Botschaften ausgetauscht wurden. Aufgrund des im Verhältnis geringen Alters dieser Stäbchen mag so eine „Entartung” des Loswerfens mit Runenstäbchen aber auch schlicht der Zeit und ihren Veränderungen geschuldet sein. Als Beweis für Arntz’ These jedenfalls können sie nicht dienen.

Meines Wissens wurde diese These nicht weiter rezipiert, zumindest habe ich keine kritischen Quellen dazu gefunden. Inwiefern man ihr also folgen möchte oder sie als ganz und gar unwahrscheinlich abtun will, muss bis dahin erstmal jedem selbst überlassen sein.


Quellen

Arntz: Arntz, Helmut: Handbuch der Runenkunde. Edition Lempertz, Königswinter 2007 (1944).
Düwel: Düwel, Klaus: Runenkunde. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart Weimar 2008.
Elliott: Elliott, Ralph W. V.: Runes. An Introduction. Manchester University Press, St. Martin’s Press New York 1989 (1959).

RGA: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 25. Walter de Gruyter Verlag, Berlin & New York 2000.

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