Die 9 edlen Tugenden

Für viele heutige Heiden sind die neun edlen Tugenden fast noch höher geachtete Werte als die zehn Gebote für moderne Christen. An ihnen richten sie ihre Moral und Verhaltensweisen aus und stellen sie neben den Göttern ins Zentrum ihrer Religion. Wikipedia bezeichnet sie gar als "wichtigsten Kodex im germanischen Neuheidentum".

Tatsächlich sind die neun Tugenden moderne Erfindungen des großbritannischen Odinic Rite. Diese lauten: Mut (courage), Disziplin (discipline), Treue (fidelity), Ehre (honour), Gastfreundschaft (hospitality), Fleiß (industriousness), Ausdauer (perseverance), Selbstständigkeit (self-reliance), Aufrichtigkeit (truth).

(Quelle: Website des Odinic Rite)

Historisches Fundament

Das historische Fundament dieser Tugenden ist daher erwartetermaßen relativ dünn. Angeblich wurden die Tugenden den Wikinger-Sagas und angelsächsischen Heldenepen wie etwa dem Beowulf entlehnt. Diese entstanden jedoch nicht in heidnischer Zeit, sondern einige Jahrhunderte später. Obgleich im Beowulf der Protagonist Heide ist, kommen im Werk immer wieder klar christliche Appelle herüber.

Außerdem sind es - wie der Name schon sagt - Geschichten über Helden und keine authentischen Quellen für das Heidentum. Insbesondere können ein Held und dessen Handlungen nur schwerlich für einen Verhaltenskodex hinhalten, denn er ist eben ein Held, ein besserer Mensch, und kein durchschnittlicher Gläubiger. Helden handeln immer besser als es von gemeinen Leuten erwartet wird - eben deshalb sind sie ja Helden.

Allerdings erklärt diese Entlehnung die doch bizarren Tugenden Mut oder Ausdauer. Nähme man ein christliches Heldenepos oder eine Sage beeinflusst von irgendeiner anderen Religion und würde versuchen anhand dessen Tugenden herauszusuchen, dann käme man wohl immer auf Mut, Ausdauer, Fleiß, Ehre, Aufrichtigkeit usw. Mit anderen Worten: Die Geschichten und die Religion sind austauschbar, die sogenannten heidnischen Tugenden sind allgemeine heldenhafte Tugenden.

Welchen Ehrenkodex besaßen Heiden dann?

Wir bewegen uns an dieser Stelle sicherlich auf dem dünnen Eis der Spekulationen. Das Folgende kann daher nur meine Sicht der Dinge widerspiegeln und keine wissenschaftlichen Tatsachen.

Die Religion der Heiden war relativ frei von Institutionen oder komplexer Ämterhierarchie. Weder waren die Lehren in eine Schrift wie die Bibel verpackt, noch übernahmen ihre Priester die Rolle von Predigern. Aus diesem Grund erscheint mir die Vorstellung von neun edlen Tugenden (egal ob es nun neun sind, egal ob es die oben genannten oder andere sind) sehr unwahrscheinlich. Es gibt gewisse Tugenden, die religionsfrei sind und eigentlich von jedem Volk als gut erachtet werden. Dazu gehören zum Beispiel Aufrichtigkeit oder Fleiß. Diese Tugenden haben jedoch nichts mit der Religion zu tun, sondern werden auf sozialer Ebene in jedem Kulturkreis geschätzt, da sie das Miteinander fördern. Es zeichnet die modernen Heiden nicht unbedingt aus, wenn sie diese omnipräsenten Tugenden also heranziehen und zu ihrem eigenen hohen Kodex erklären.

Vielmehr könnte man sich die Frage stellen: Aus welchem Grund benötigen wir modernen Heiden so einen Abklatsch der zehn Gebote? Aufgrund der Unbeweglichkeit dieses Begriffes verweigern sich Heiden gerne dem Begriff Gebot, denn darin ist die Floskel "du musst" oder "du darfst nicht" enthalten. Allein der Austausch von Gebot und Tugend macht die heidnischen "Empfehlungen" aber nicht besser.

Ich habe schon vielfach beobachtet, dass christliche Angewohnheiten unreflektiert ins Heidnische übernommen und mit pseudoheidnischer Farbe übermalt werden. Ich denke nicht, dass wir damit unserer heidnischen Religion gerecht werden und dazu anstiften, diese ernst zu nehmen.

Widerlegung der Tugenden

Vergleicht man den Ehrenkodex eines Helden mit dem Leben eines gewöhnlichen Menschen, wird schnell offenbar, dass das eine Fiktion und das andere Realität ist. Ein Held, der sich nicht in Lebensgefahr begibt, ist wenig wert. Ein Held muss tapfer sein, er darf selbst hoffnungslose Konfrontationen nicht scheuen, er muss Ideale verkörpern und mitunter unvernünftig (aber tugendreich) handeln, um die Spannungskurve aufrecht zu erhalten. Bestenfalls stirbt der Held am Ende den Heldentod - etwa wie Beowulf.

All dies sind Dinge, die einem einfachen oder Verantwortung tragenden Menschen kaum geraten werden sollten. Es hat wenig Sinn, wenn ein Vater sein Leben für die Ehre riskiert und nach seinem Tod Frau und Kinder schutzlos zurücklässt. Und auch ein Jarl oder König sollte in erster Linie Pflichtbewusstsein zeigen, nicht Wagemut.

 

Die direkt heidnischen Schriften, die uns verblieben sind, legen eher Pragmatismus denn Idealismus an den Tag. Die Hávamál als Sippengedicht liefert einen umfassenden Blick auf die heidnische Denkweise und widerlegt dort sogar einige der modernen neun edlen Tugenden. Der Text beginnt beispielsweise bereits mit einer Geisteshaltung, die kaum ein "gutes" Ideal sein kann, dafür aber den Menschen schützt und Leben retten kann: es geht um Argwohn. Möchte man nach weiteren Tugenden suchen, so wird als zweites die Gastfreundschaft über viele Strophen hinweg angepriesen (und wird nicht etwa wie bei der Rangliste der Odinic Rite auf den letzten Platz verwiesen), dicht gefolgt von Verschwiegenheit, Weisheit und Nüchternheit (im alkoholischen Sinne). Auch die Hávamál preist den Kampfesmut, verweist aber scharf darauf, dass leben immer noch besser als sterben ist. In einer Strophe ermuntert sie den Vater gar, dem Sohn zu misstrauen, weil vielleicht auch dieser Böses will.

 

Wollte man tatsächlich einen heidnischen Verhaltenskodex erstellen, so bestünde er meines Erachtens aus lediglich einem Satz: Sei vorsichtig und verhalte dich in jeder Situation angemessen. Das wiederum ist so banal, dass man das kaum ernsthaft formulieren muss, oder?

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Kommentare: 2
  • #1

    Klingenfreund (Donnerstag, 19 November 2020 08:34)

    Eben stolpere ich über diese Webseite. Ich verstehe den Wunsch nach einem Kodex und gebe Dir Recht dass die 9 Tugenden wie ein Abklatsch von irgendetwas klingen.
    Aber Mut z.B. braucht man heute nicht mehr um in die Schlacht zu ziehen. Das Schlachtfeld ist ein anderes. Man braucht Mut um seine Interessen durch zu setzen, oder sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Um Nein zu sagen, wenn der Chef Dir was Aufbrummen will, oder wenn ein Händler Dir den versprochenen Rabatt nicht gewährt. Es geht darum nicht Konfliktscheu zu sein und sich zu rücken, sondern seine Rechte einzufordern, wenn es einem zusteht, sich nicht ausbeuten und übertölpen zu lassen.
    Seinen Vorteil zu erkennen und dann wahrzunehmen.
    Eure ist heute wieder hergestellt, wenn man auf eine Beleidigung einen passenden Spruch entgegenzusetzen hat, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Gastfreundschaft wie sie den Wikingern zugesprochen wird, ist auch heute eine schöne Sache, und Großzügigkeit um sich Freunde zu machen, nennen wir heute Networking. Disziplin und Durchhaltevermögen braucht heute auch jeder, der beruflichen Fortschritt anstrebt, wenn er denn ein Ziel hat. Dass Mut nicht Leichtsinn heißt, muss man vielleicht extra erwähnen, und schon Sun-Tsu riet davon ab sich mit stärkeren anzulegen. Was früher Waffentraining war, sind heute Rethorik-Kurse und Fremdsprachen um sich im täglichen Leben einen Vorteil zu verschaffen .
    Ich kann jetzt nich auf alles eingehen, aber ich glaub das Denkmuster klar gestellt zu haben.
    Ja wir brauchen solche Regeln um uns jederzeit daran zu erinnern was die Ideale sind, um uns selbst zu erkennen und ggfs etwas zu verändern. Mit Göttern hat das allerdings wenig zu tun.

  • #2

    Eichenstamm (Freitag, 04 Dezember 2020 16:15)

    Grüß dich Klingenfreund,

    danke für deine Meinung. Ich teile sie nicht, aber ich sehe, wo du deinen Standpunkt hast.
    Ideale an und für sich sind natürlich nichts Schlechtes, im Gegenteil befürworte ich es, wenn Menschen nach solchen Idealen leben. Diese Ideale allerdings einer Glaubensgemeinschaft quasi als Kodex mitzugeben, finde ich persönlich schwierig - insbesondere da die Asentreue in se (also der Glaube an die Götter) und diese Stichwörter nicht unmittelbar miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
    Ganz allgemein vertrete ich die Meinung, dass wir einem Glauben nicht gerecht werden, wenn wir seine Grundprinzipien modernisieren: Wenn Germanen also unter Ehre verstanden, dass die ganze Familie in diesen Begriff mithineinfällt, dann denke ich nicht, dass wir in "heidnische" Fußstapfen treten, wenn wir Ehre modern interpretieren ("ich habe selbstbewusst auf einen dummen Kommentar geantwortet!") und meinen, ihr gerecht zu werden. Unserem eigenen Ehrbegriff vielleicht und das kann vielen reichen; nicht aber dem "germanischen" Konzept, sofern es so etwas überhaupt gegeben haben mag.

    Wie gesagt, ich finde es gut, wenn sich jemand Ideale sucht und sein Leben danach formt, aber scheinheilige Berufungen auf eine angeblich historische Legitimierung sehe ich als Heuchelei.