Sorcery and Religion in Ancient Scandinavia - Varg Vikernes

Kurzinfos

Autor: Varg Vikernes

 

Verlag: Selfpublishing

 

Veröffentlichung: 2011


Gestaltung

Informationen

Quellentreue


Nach der Lektüre von Paganism Explained 1 von Varg Vikernes, das meine bescheidenen Erwartungen weit unterschritt, wollte ich mir ein gesicherteres Bild von Vikernes Anschauung machen. Sorcery and Religion gibt davon einen guten Überblick: Es stellt seine Gedanken weitaus deutlicher heraus und er lässt sich mehr Zeit damit, sie zu erklären.
Allerdings merkt man auch diesem Buch seinen Mangel an Professionalität schnell an — und das nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Dass Vikernes ein reichhaltiges Geistesinnenleben hat, ist bekannt, ebenso dass er der Welt viel mitzuteilen hat. Dies scheint ihn aber immer wieder regelrecht zu überwältigen, sodass der rote Faden des Buches ständig durch Exkurse verwässert wird. Es fehlt der Aufbau und die klare Strukturierung seiner Gedanken, die seine Thesen — auch mangels Beweisen — deutlich professioneller wirken lassen könnten. Stattdessen ergießen sie sich schwallartig auf den Leser und wirken in ihrer Präsentation unreif und beliebig und somit unglaubwürdig.

Bereits in seinem Prolog nimmt Vikernes die Kritik etwaiger Akademiker vorweg, da er ihnen Missfallen gegenüber Büchern ohne Quellen vorwirft. „This book is probably such a book, but I have to defend it by saying that I cannot list sources when the ideas are my own, the interpretations my own and the conclusions my own.”
Da ich mit der Erwartungshaltung an dieses Buch heranging, eine Interpretation der nordischen Mythologie und des nordischen Glaubens vorzufinden, hatte ich an diesen Worten nichts zu beanstanden. Nach der Lektüre allerdings fällt es mir deutlich schwerer: Vikernes erwähnt durchwegs Informationen und Sachverhalte (und eben keine Interpretationen), die der gemeinen Forschermeinung entgegenstehen und schweigt auch hier stets über seine Quellen. Er nennt beispielsweise einen nordischen Kalender, der auf einer Felsritzung von Bohuslän verzeichnet sein soll, stellt aber nicht heraus, woher er diese Information hat. Aus einem anderen Buch? Oder hat er sich die Felsritzung selbst angeschaut? Im folgenden nennt er die Namen aller dreizehn nordischen Monate, die seines Erachtens mit den dreizehn Wohnstätten Asgards übereinstimmen. Auch hier stellt sich die Frage: Woher diese Information? Es ist schwer vorstellbar, dass auf den 3000 Jahre alten Felsritzungen die Namen geschrieben stehen sollen — ein Fund so früher Schriftkultur in Skandinavien wäre eine Sensation und sicherlich bekannt. Hat Vikernes schlicht aufgrund der gleichen Zahl von 13 Monaten und 13 überlieferten Wohnstätten eine Parallele gezogen? (Im Grímnismál ist allerdings nur von 12 Wohnstätten die Rede.)
Weitere Interpretationen, die er als Tatsachen darstellt, müssen mindestens mit einem großen Fragezeichen versehen, wenn nicht ganz verworfen werden. So setzt er Yggdrasil mit Heimdall gleich oder Uller mit Bragi und kürzt die Mythen um eine solche Vielzahn an Charakteren, dass vom Kern kaum noch etwas übrig bleibt, der karge Rest aber zumindest in seinen Ideenlauf passt. Die Odinsmythen etwa müssten neu verstanden werden, da in kaum einer Odin der Protagonist sei, sondern stets andere Götter, die sich als Odin verkleiden (oder andere Götter, die sich als andere Götter verkleiden: So ist es etwa Heimdall, der sich als Hermod verkleidet, um Baldur aus dem Reich des Todes zu retten). Die Riesen Thjazi, Thrym und Bölthorn sind angeblich stets dieselbe Figur und damit nicht genug — ebenfalls zu dieser Dreiheit gehört Jörmungandr, also die Midgardschlange. Hödur wird zu Hels Ehemann und entspricht ebenfalls Uller — sowie dem Fenriswolf und Mánagarm. Da Hel und Fenris allerdings (laut Quellen) Kinder Lokis sind, müssten sie bei Vikernes also eine Geschwisterehe eingehen, was allein dadurch unwahrscheinlich wird, da Inzest bei den Vanen, nicht aber bei den Asen erlaubt war. Aber möglicherweise hätte Vikernes auch dafür eine Erklärung, tauschte man nur einige Namen aus.
Diese Beispiele machen bereits deutlich wie unglaublich beliebig Vikernes vorgeht. Indem er Figur für Figur eines Mythos austauscht und durch einen anderen ersetzt, weil sich angeblich jemand verkleidet habe, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Das ohnehin schon unübersichtliche Gefüge der nordischen Mythologie wird vollends zerlegt und nahezu vernichtet.
Selbst einem nur dezent kritischen Blick können seine Thesen nicht standhalten, sie widerlegen sich praktisch alle von allein. Genau genommen funktionieren sie nur, sofern man den gesamten wissenschaftlichen Diskurs beiseitelegt und mit „offenem Geiste” (wie er es nennt) an die Thematik herangeht. Tatsächlich hat sein wildes Spekulieren aber mit „offenem Geiste” nur noch wenig zu tun, denn offen für neue Vorschläge zu sein, bedeutet nicht, sich aller Grundlagen zu entledigen. Vielmehr zeugt es von einer generellen Unkenntnis seinerseits der Thematik. Was insofern schade und bedenklich ist, da er sich bereits seit Jahren als eine Art Eingeweihter in älteste nordische Wahrheiten darstellt.

Im allergrößten Teil des Buches geht es um die nordischen Feste und wie diese gefeiert wurden. Mangels Quellen, sodass jede Aussage als schiere Erfindung Vikernes’ gelten muss, und aufgrund der übertriebenen, fast schon fantastischen Szenarien sind diese allerdings wenig glaubhaft (etwa die angeblich strengstens geregelten Abläufe der Feste, die geographisch in keinster Weise präzisiert werden und was in Anbetracht der Tatsache, dass es keinesfalls einen homogenen Kult im Norden gab, unmöglich als allgemeine Aussage angenommen werden kann). Manche Ideen stehen im krassen Widerspruch zu dem, was uns Quellen berichten, etwa dass es den Germanen am letzten Tag der Woche verboten gewesen sei zu arbeiten. Diese Heiligung des Wochenendes kam erst mit dem Christentum nach Europa und gerade weil Vikernes dessen Einflüsse auf die Wissenschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit verflucht und verhöhnt, sind solcherlei Aussagen umso beschämender.

Insofern ist dieses Buch ebenso wie Paganism Explained 1 keine Empfehlung wert. Es liest sich in manchen Teilen eher wie die Erzählung einer Religion aus einem Fantasyroman — ganz bestimmt hat es nur wenig mit dem nordischen Kult zu tun. Aus diesem Grund muss der Inhalt mit äußerster Vorsicht genossen werden und es ist zu empfehlen, jede Information einzeln zu prüfen. Aber zumindest in dieser Hinsicht kann das Buch vielleicht neue Pfade öffnen, wer weiß.

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Kommentare: 4
  • #1

    ING (Donnerstag, 09 August 2018 22:26)

    Großartige Rezension. Die meisten, die über Vikernes schreiben, berichten oder sich mit seiner Person beschäftigen, schaffen es nicht, sich über ihre eigene politische Abneigung zu erheben, um sich wenigstens neutral mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Hier ganz anders - und das rechne ich dir hoch an; hier geht es um den Inhalt und das Aufdecken seiner Widersprüche, die für sich selbst sprechen.

  • #2

    Eichenstamm (Freitag, 10 August 2018 08:19)

    Ich danke, ING.
    Ehrlich gesagt glaube ich, dass Vikernes eine derart große Angriffsfläche in seinen Büchern bietet, dass man seine politischen Ansichten gar nicht mit einbeziehen muss ;)

  • #3

    Moon (Samstag, 18 August 2018 03:33)

    Es ist schön, endlich einmal eine wohl durchdachte deutschsprachige Kritik zum Buch zu sehen. Im Grunde habe ich die gleichen Kritikpunkte wie du. Die fehlende Strukturierung stört mich wohl am meisten. Vikernes springt regelrecht zwischen seinen Thesen. Es kam mir beim Lesen zwischenzeitlich so vor, als ob er einfach drauf losgschrieben hätte. Er versucht es anfangs zwar über die Chronologie zu gliedern, aber verheddert sich dann stets; springt von einem oberflächlichen Gedanken zum anderen und relativiert es dann mit seiner "Austauschtheorie". Wie bereits von dir erkannt ist dann natürlich alles möglich (bspw. alle europ. Stämme haben die gleichen Götter, nur haben diese unterschiedliche Namen; er bezieht sich hier sehr oft auch auf die griech. Mythologie).

    Und natürlich muss er hier eine fundierte Quellenangabe bzw. eine Bibliographie angeben, auch wenn diese nur eine handvoll Werke umfasst. Wenigstens gibt er unter den verwendeten Bildern den Verfasser an (ein Bildnachweisverzeichnis fehlt dennoch).

    Das einzige Positive, dass ich hier herausheben möchte, ist sein lyrischer Ansatz bei den Übersetzungen und Erklärungen der Ahnentexte. Er macht dies fast peinlich genau.

    Seine "Paganism Explained!"-Serie werde ich mir wohl nicht mehr antun, da es die gleichen formalen und zum Teil auch inhaltlichen Mängel aufweist.
    Auch wenn Vikernes es verabscheut, er sollte ernsthaft mit einen wissenschaftlichen Ansatz an die Sache herangehen, da es so nur die wirren und paradoxen Thesen eines altes Mannes sind.

  • #4

    Eichenstamm (Montag, 20 August 2018 13:17)

    Danke für dein Lob, Moon.
    Die fehlende Struktur hat mich auch unsäglich gestört; ich hätte es am liebsten noch breiter getreten, hielt mich dann aber zurück. Wie du sagst, wirkt es, als hätte er einfach drauflos geschrieben; maximal als hätte er einen Zettel mit ein paar Ideen neben sich liegen. Gerade die letzten Kapitel, in denen er auf irgendwelche norwegischen Volkslieder u.Ä. zu sprechen kommt, fehlt jeglicher Übergang, selbst der Zusammenhang ist lose. Selfpublishing hin oder her, hier fehlt es dann einfach an einer grundsätzlichen Beschäftigung mit dem Autorsein bzw. Schreiben - aber das darf ich als Leser, denke ich, schon erwarten, wenn ich dafür Geld zahle (und das nicht mal wenig).

    Wie genau meinst du den lyrischen Ansatz seiner Übersetzungen?

    Vollste Zustimmung insgesamt zu deinen Worten.