Handbuch der Runenkunde

Kurzinfos

Autor: Helmut Arntz

 

Verlag: Edition Lempertz

 

Veröffentlichung: 2007 (1944, 1. Auflage 1935)


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Quellentreue


Ein wahrer Schatz und leider viel zu wenig beachtet ist Helmut Arntz’ Handbuch der Runenkunde. Während der Lektüre muss natürlich das Alter des Buches im Hinterkopf behalten werden: Insbesondere in der Runenforschung müssen Ergebnisse immer wieder revidiert und überdacht werden, da mit neuen Funden auch neue Erkenntnisse zutage treten. Auch spielt die nationalsozialistische Zeit, in welcher das Buch veröffentlicht wurde, natürlich teilweise in die Rhetorik mit hinein. Dies geschieht allerdings so marginal, dass man es ohne Weiteres überlesen kann. Bei Arntz’ Herleitung der Runen etwa, bei der er festhält, dass sie keine Eigenschaffung, sondern Übernahme darstellen, muss er darauf hinweisen, dass so ein Vorgang kein Makel sei. Auf diese Weise versucht er, das Bild des Germanen reinzuhalten, um den Adel der Wurzeln der „deutschen Rasse” nicht in Zweifel  zu ziehen. Solcherlei Floskel treten aber wie gesagt nur vereinzelt auf und erwecken insgesamt auch eher den Eindruck von Pflichtbewusstsein als von tatsächlicher Ideologie.

Arntz geht in seinem Werk höchst wissenschaftlich vor, anders als Klaus Düwel und Arnulf Krause sind seine Betrachtungen jedoch weniger archäologisch und fundfokussiert als sprachwissenschaftlich. Die Lektüre ist damit nochmals schwieriger als Düwels Runenkunde. Arntz’ Ziel ist nicht eine systematische Darstellung des Runengebrauchs wie man ihn tatsächlich anhand von Funden nachempfinden kann, sondern die Klärung der Fragen am Anfang: Woher stammen die Runen? Welche Rolle spielten sie für die Germanen? Wie wurden Runen zu Beginn verwendet?
Aufgrund der sehr kargen Beweislage muss sich Arntz hier auf das dünne Eis der Spekulationen begeben. Ein ums andere Mal sollte der Leser daher kritisch hinterfragen, was selbstbewusst als These in den Raum gestellt wird, etwa die Bedeutung von Zahlenmagie in Bezug auf Runen. Im allergrößten Teil aber ist das Buch in den Schlussfolgerungen nachvollziehbar und liefert bemerkenswerte Neuigkeiten, was insbesondere deshalb so überraschend ist, da das Buch deutlich älter als moderne Schriften ist.

Arntz beginnt damit, überhaupt die Rolle einer Schrift zu ergründen. Auf diesem Fundament arbeitet er die Runen eindeutig als Kultschrift heraus und versucht im Folgenden zu ergründen, welche kultischen Eigenschaften Runen besaßen und wie genau sie zu den Germanen kamen, wo man doch eine „germanische Erfindung” ausschließen kann.
Anders als die meisten Forscher spricht sich Arntz für eine etruskische Herkunft aus und arbeitet die Gründe dafür so präzise heraus, dass ich am Ende seiner Erklärungen nicht anders kann, als ihm auf ganzer Linie zuzustimmen. Das war für mich die erste Überraschung, nachdem der Großteil der von mir gelesenen Forschungsarbeiten sich doch eindeutig für die Latein-These ausspricht.
Die zweite Überraschung folgt, als Arntz die germanischen vorrunischen Kultzeichen analysiert und die Übernahme der Runen als Schrift so ohne große Mühen in einen größeren Kontext einfügt, der weit älter als die Runenschrift selbst ist. Die Runen treten so direkt mit anderen Kultzeichen wie etwa Sonnendarstellungen auf, die man aus weitaus älterer Zeit bezeugen kann.
Als dritte Überraschung bietet Arntz’ als einer der wenigen Wissenschaftler eine vollständige Herleitung und Erklärung der Runennamen an, ohne diese nur schlicht aufzuzählen. Er geht bei jeder einzelnen Rune ins Detail, betrachtet alte Formen und erforscht die sprachgeschichtlichen Hintergründe. Daraus folgen teilweise seitenlange Beschreibungen, die in ihrem Deutungsinhalt jedem Esoterikbuch überlegen sind und dabei auch noch auf wissenschaftlichem Fundament gründen.
Im letzten Teil geht es schließlich darum, wie Runen wohl magisch gewirkt haben können. Auch dieses Thema ist eigentlich esoterikverdächtig und wird in Forscherkreisen eher gemieden. Arntz gelingt es allerdings die wissenschaftliche Attitüde, Magie schlicht zu ignorieren, abzulegen und sich von anderer Seite dem Thema anzunähern: Wenn die Germanen an Magie geglaubt haben, und das ist unumstritten, wie sahen dann ihre kultischen Handlungen aus, um diese zu wirken?
Auch an dieser Stelle sind die Ergebnisse erstaunlich und von unglaublicher Fülle. Arntz bedient damit eigentlich alle Themen, welche die Esoterik interessieren, forscht aber wissenschaftlich daran. Insofern ist das Buch eine Überraschung auf ganzer Ebene. Sei es für wissenschaftlich Interessierte, sei es für diejenigen, die Runen esoterisch nutzen wollen, ist es ein absolutes Muss.

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